Barrierefreies Webdesign hilft Behinderten

Noch aber machen es sich viele Gestalter zu leicht / Mit vielen hübsch gestylten Seiten können Blinde nichts anfangen

Von Mario Sixtus

Viele Webseiten funktionieren nur richtig, wenn die Nutzer eine bestimmte Software verwenden und überdies Erweiterungen auf ihrem PC installiert haben. Das nervt alle, die nicht auf den Internet Explorer von Microsoft schwören. Vor allem aber leiden blinde und sehbehinderte Surfer. Barrierefreie Seiten sollen dem ein Ende machen.

"Ich bin ein großer Freund von barrierefreien Websites", sagt der britische Designer Mathew Sommerville, von Websites, "die für jeden, mit jedem Anzeigegerät zugänglich sind." Zur Demonstration hat sich Sommerville ein Hobby zugelegt: Er stellt Alternativ-Versionen prominenter Seiten ins Netz, die diesen Zugangskriterien entsprechen. Eine Variante der Web-Präsenz der Kinokette Odeon musste er jüngst wieder aus dem Internet entfernen. Die Justiziare des Filmhauses hatten mit einer Klage wegen Urheberrechtsverletzung gedroht.

Der Hintergrund: Seit der Internet Explorer auf mehr als 90 Prozent der Computer installiert ist, machen es sich Webdesigner und Programmierer einfach. Funktionieren die Seiten problemlos auf dem Microsoft-Anzeigeprogramm, werden sie meist ohne weitere Tests ins Netz gestellt. Ergebnis: Wer etwa mit den Browsern Opera, Mozilla oder Safari unterwegs ist, stößt immer wieder auf Seiten, die nicht oder nur teilweise angezeigt werden. Auch an der Funktionalität hapert es dann oft: Menüs verschwinden, Schaltflächen reagieren nicht, Formulare lassen sich nicht absenden.

Doch barrierefreie Seiten sind nicht nur für Nutzer alternativer Browser hilfreich. Neben der steigenden Zahl von Mobilsurfern, die das Web per Taschencomputer bereisen, profitiert eine Gruppe besonders von Seiten ohne Zugangsbeschränkungen: blinde und sehbehinderte Anwender. Für sie ist das Web als Informations- und Kommunikationsmittel besonders wichtig, da es ihnen zu einer gewissen Selbstständigkeit verhilft. Überdurchschnittlich viele Menschen mit Behinderung nutzen daher das Netz, wie eine Studie des Bundeswirtschaftsministeriums herausfand.

Blinde verwenden entweder einen Computer mit Sprachausgabe, der ihnen Webseiten vorliest, oder sie verfügen über eine Braille-Schiene, die den Text Zeile für Zeile in Blindenschrift übersetzt. Diesen Hilfsgeräten ist gemeinsam, dass sie mit Texten in Form von Grafik-Dateien nichts anfangen können. Eine hübsch gestaltete Schaltfläche mag den Designer stolz machen, für einen Blinden bleibt sie eine Bilddatei, deren Inhalt nicht gelesen werden kann.

Surfer, die noch über einen Teil ihrer Sehkraft verfügen, helfen sich oft, indem sie die Schrift ihres Browsers vergrößern. Bei Texten im Grafik-Format funktioniert auch das nicht. Auch ärgerlich: Viele Designer unterbinden eine Skalierbarkeit der Schriftgröße. Und wenn Hyperlinks nur durch eine andere Farbe gekennzeichnet sind, wissen Menschen mit Rot-Grün-Schwäche oft nicht, wo sie klicken sollen. Immerhin betrifft das rund acht Prozent der Bevölkerung. Ihnen hilft schon ein Rückgriff auf die Anfangszeiten des Web, als Verweise in Texten prinzipiell unterstrichen wurden.

Unter diesem Gesichtspunkt wird auch klar, warum Sommerville sich ausgerechnet den Odeon-Auftritt für seine Vorführung ausgesucht hat. Blinkende und animierte Menübäume gewähren nur Nutzern des Internet Explorer Einlass, spezielle Browser, gar solche mit Sprach- oder Blindentext-Ausgabe, müssen draußen bleiben.

Nicht ganz unschuldig an solchen Entwicklungen sind Web-Agenturen, denen es wichtiger ist, ihre Kunden mit Multimedia- Effekten zu beeindrucken, als den Nutzwert für den Endanwender im Auge zu behalten.

Auch hierzulande gibt es Streit über Seiten mit und ohne Einstiegshürden. Bernd-Jürgen Schneider, Hauptgeschäftsführer des Städte- und Gemeindebundes Nordrhein-Westfalen, beklagte sich kürzlich über den zu hohen Programmieraufwand, der nötig sei, um das Internet-Angebot der Städte und Gemeinden auch Sehbehinderten zugänglich zu machen. Schneider drohte sogar mit einer Reduzierung des Internetangebots. Hintergrund: Vom September an müssen kommunale Webseiten in NRW behindertenfreundlich gestaltet werden. Der Behindertenverband "Netzwerk Artikel 3" nannte Jürgens Äußerungen "diskriminierend". Auch der Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW) widersprach: "Auf lange Sicht lassen sich mit barrierefreier Umsetzung eher Kosten sparen - was den Städten und Gemeinden sicher zu Gute kommt und zu einer Sicherung der wertvollen Online-Services beitragen wird." Barrierefreies Webdesign ist tatsächlich nur dann mit Mehraufwand verbunden, wenn eine existierende Internetpräsenz von vorhandenen Hürden befreit werden muss. Der BVDW erklärt: "Die Kosten hängen nicht von der grundsätzlichen Entscheidung pro Barrierefreiheit ab, sondern vielmehr vom Zeitpunkt, zu dem diese Entscheidung getroffen wird. Hier gilt: Je eher, desto besser."

Einfach für alle

Noch ein Vorteil von hindernisfreien Webseiten wird oft übersehen: Auch Suchmaschinen-Roboter können mit vielen Programmierscripten und Plug-in-basierten Navigationen nichts anfangen. Die Seiten werden nicht indiziert und von Surfern nicht gefunden. Barrierefrei heißt immer auch suchmaschinenfreundlich.

Die Website "Einfach für alle" der Aktion Mensch bietet eine Fülle an Tipps zum Thema - und zeigt, dass barrierefreie Seiten aufgeräumt, übersichtlich und modern sein können. Sommerville hätte seine Freude.

Links
Mathew Sommerville: http://www.dracos.co.uk
Einfach für alle: http://www.einfach-fuer-alle.de



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