
Internet-Nutzer besorgen sich TV-Serien im Web
Von Mario Sixtus
"Medienkonvergenz" - das war eines der Zauberworte zu Zeiten des Internet-Booms Ende der 90er Jahre. PC und Pantoffelkino sollten verschmelzen; die Multimediawelt im Wohnzimmer sollte Internetprovider und Anbieter von Entertainment-Inhalten gleichermaßen reich machen. Einige Jahre und einen Börsenkrach später sieht es danach aus, dass Fernsehen tatsächlich immer öfter aus dem Netz kommt - aber ohne Bezahlung.
Nicht die Kino-Blockbuster sind die Renner in den Dateitauschbörsen: Fernsehserien gehören zu den beliebtesten Downloads. "Das Angebot von TV-Serien hat innerhalb der P2P-Netze in den letzten Monaten zugenommen", bestätigt Jorge Antonio Gonzales vom Internet-Portal Zeropaid gegenüber heute.de. Er vermutet: "Viele Nutzer wechseln zu Filesharing-Diensten als Alternativen zu TiVo oder anderen Aufnahmesystemen."
Deutschland als Spitzenreiter
Das Branchenmagazin Video Business will wissen, dass "Sex and the City", "The Simpsons" und "The Sopranos" zu den Serien gehören, die am häufigsten heruntergeladen werden. Je nach Qualität sind die Episoden zwischen 80 und 500 Megabyte groß. Im DSL-Zeitalter ist das auch für Privatnutzer keine Herausforderung mehr.
Für europäische Fans von US-Fernsehserien ist das Angebot sogar noch verlockender: Anstatt monate- oder jahrelang zu warten, bis die Lieblingsserie endlich auch daheim anläuft, fischen sie sich kurzerhand die jeweils aktuellen Folgen aus dem Datennetz - direkt nach der Erstausstrahlung in den USA. Diese Attraktivität lässt sich messen: Eine Studie im Auftrag der OECD behauptet, von den 30 Mitgliedsländern hätten in Deutschland Videodateien mit 35 Prozent den größten Anteil am Verkehrsaufkommen in den Filesharing-Netzen.
In Minuten im Netz
Ein deutscher Star-Trek-Fan beschwert sich: "Die aktuelle Enterprise-Serie lief in Deutschland erst zwei Jahre nach ihrem Start in Amerika. Dann wurde der Sendeplatz noch ständig verlegt und die erste Staffel endlos wiederholt." Andere Fans hätten ihn dann auf die Möglichkeiten des Internets aufmerksam gemacht. Inzwischen ist das Herunterladen der Weltraum-Serie eine Selbstverständlichkeit für ihn: "Jeden Mittwoch läuft Enterprise in den USA, jeden Donnerstag bei mir zu Hause", freut er sich. Jorge Gonzales bestätigt: "Manchmal dauert es nur Minuten, bis eine Sendung nach ihrer Ausstrahlung im Netz veröffentlicht wird. Spätestens nach 24 Stunden sind die meisten online."
Dank preisgünstiger TV-Karten für PC ist das digitale Mitschneiden einer Fernsehsendung heute keine Geheimwissenschaft mehr. Für so genannte Release-Groups ist es obendrein eine Frage der Ehre, vor der Publikation Werbeblocks aus den einzelnen Episoden zu entfernen.
Handarbeit oder Technik-Hilfe
Das Einsammeln der Serienfolgen ist dann allerdings mühsame Handarbeit: Unterschiedliche Netze müssen mit verschiedenen Client-Programmen durchsucht oder einschlägige Websites in der Hoffnung auf eine frische Aktualisierung abgeklappert werden. Findige Entwickler wollen diesen Vorgang nun automatisieren. Die Grundidee besteht aus der Verschmelzung zweier beliebter Technologien: RSS-Feeds, wie sie normalerweise von News-Portalen und Weblogs genutzt werden, transportieren die Links zu neuen Downloadmöglichkeiten; das Herunterladen übernimmt anschließend automatisch das auf große Dateien spezialisierte Protokoll BitTorrent.
Der Technologie-Journalist Steve Gillmor sinnierte im Dezember 2003 erstmals über diese Möglichkeit und löste damit betriebsame Diskussionen in der Internet-Gemeinde aus. Der Webentwickler Scott Raymond fand schließlich einen griffigen Namen: "Broadcatching". Mit bisher gerade einmal zwei Applikationen im Teststadium ist die Zwittertechnologie zwar noch weit von einem Masseneinsatz entfernt, aber die Richtung ist klar: Fernsehserien aus dem Netz wird man bald so einfach abonnieren können, wie Newsletter.
Werbefinanzierte Fernsehsender dürften von dieser Entwicklung kaum begeistert sein. Bereits jetzt übt in den USA die Werbewirtschaft Druck auf die TV-Networks aus, die Preise für Werbeminuten herabzusetzen, da digitale Videorekorder es erlauben, Werbeblöcke per Knopfdruck zu überspringen. Hierzulande war erst kürzlich RTL daran gescheitert, den Werbeclip-Blocker "Fernsehfee" gerichtlich verbieten zu lassen.
Offensive BBC
Wesentlich offensiver geht die britische BBC mit dem Thema um. Der gebührenfinanzierte Sender, der auf der Insel zärtlich "Tantchen" genannt wird, stellt zur Zeit in einem Pilotprojekt Eigenproduktionen nach ihrer Erstsendung ins Internet. Der Download auf tragbare Abspielgeräte ist genau so möglich, wie das Brennen der Videos auf DVD. Momentan kommen zwar nur 500 BBC-Mitarbeiter in den Genuss, ihr eigener Programmchef zu sein, schon bald soll das Angebot aber der Allgemeinheit zugänglich gemacht werden.
Ashley Highfield, BBC-Direktor für neue Medien und Technologien, ist sich des Wandels seiner Branche bewusst: "Die fundamentalen Veränderungen in der Musikindustrie haben uns gezeigt, dass die Leute gerne konsumieren, was sie wollen, wie sie wollen und wann sie wollen."

...Web2.0 WebTV) der demagoge: Generated Content Blogs und PR (tags: Blogs PR) SIXTUS.NET | Gestern in den USA, heute im Wohnzimmer (21.07.2004, heute.de) (tags: WebTV) SIXTUS.NET | R.I.P. TV - Das Ende des Fernsehens als Broadcasting-Medium ...
Gepingt: 17.11.2006 | 18:29