
Racing-Games unter freiem Himmel spielen, auf einer Projektionsfläche, so groß wie eine Kinoleinwand. Ein paar Freunde erfüllten sich diesen Traum und gehen damit nun auf Deutschland-Tournee. Die Premiere fand in Köln statt.
Von Mario Sixtus
"Wir wollen nicht mehr drinnen spielen. Wir wollen Racing-Atmosphäre ohne die Ikea-Lampe, die sich im Fernseher spiegelt. Wenn es dunkel wird, wollen wir den Beamer anschmeißen. Wir wollen mit euch um die Wette fahren, aber an einer Häuserwand und nicht auf einem mickrigen TV-Screen."
So lautete die Ankündigung auf der Website des Undergroundbattle, die sich ansonsten recht geheimnisvoll gab. Zwar wurden Uhrzeit und Datum des ersten Undergroundbattle bekannt gegeben, auch erfuhr man, dass er in Köln stattfinden sollte. Der genaue Ort würde jedoch erst kurz vor Beginn per SMS mitgeteilt werden, konnte man dort lesen.
Die leicht konspirative Art der Organisation erinnert ein wenig an die so genannten Flash-Mobs, jene gleichsam spontanen wie sinnfreien Spaß-Aktionen, die im letzten Sommer durch Großstädte und Massenmedien spukten. Tatsächlich traf die versprochene Textmitteilung rechtzeitig ein und wies den Weg zu einer einsamen Straße, die in Köln-Niel eine Grenze zwischen Rheinwiesen und dem weitläufigen Industriegebiet zieht.
Die Anfahrtsbeschreibung zu diesem verlassenen Fleckchen in 160 Zeichen zu fassen, muss eine Kunst für sich gewesen sein. Es ist stockdunkel und der Platz ist menschenleer. Sind wir hier richtig? Endlich tut sich etwas: Ein japanischer Klein-Geländewagen mit flammenden Undergroundbattle-Schriftzügen verziert, nähert sich und parkt schließlich im rechten Winkel zur Wellblechwand einer Lagerhalle. Zwei Personen legen auf der Ladefläche einen Video-Beamer frei, packen Lautsprecherboxen auf das Wagendach und schleppen einen Generator in die Büsche. Aus einem zweiten PKW werden Bierkisten und Kabeltrommeln entladen und kaum fünf Minuten später flimmert bereits das Intro von "Need for Speed Underground" in der Größe einer Kinoleinwand über die Hallenwand. Die Spiele können beginnen.
Langsam tröpfeln auch die ersten Freunde des virtuellen Rennsports ein. Trotz EM-Viertelfinale und obwohl das Wetter einen unstabilen Eindruck macht: Etwa ein Dutzend Freunde des Freiluft-Daddelns finden schließlich gegen 23:00 Uhr ihren Weg in die domstädtische Diaspora. Jörg Heikhaus, einer der beiden Organisatoren ist zufrieden: "Viel mehr hätten auch nicht kommen dürfen, sonst kommt man ja gar nicht mehr dran." Außerdem wolle man heute eigentlich nur die Technik testen. Daher haben die Undergroundbattler die Promotion für das erste Draußen-Daddeln auch auf einige wenige Foren- und Weblog-Einträge beschränkt.
Heikhaus, der als freier Künstler und Galerist in Hamburg lebt [2] und der Berliner Kunst-Motocross-Profi Busty Wolter [3] haben dessen ungeachtet schwere Geschütze aufgefahren. Der Panasonic-Beamer liefert satte 3.400 ANSI-Lumen und auch der kunstvoll beklebte Geländewagen ist extra für diese Aktion angeschafft worden. Alles nur zum Spaß? "Der Beamer stammt aus einem Insolvenzverkauf", wiegelt Heikhaus ab. Auch an den Wagen sei man dank eines Sponsoren günstiger gekommen. Der Event solle möglichst unkommerziell bleiben: "Wir wollen keine Großveranstaltung, das würde das Konzept gar nicht aushalten."
Mittlerweile sind zufällig ein paar Jugendliche auf Fahrädern vorbeigekommen, die das unerwartete, nächtliche Spektakel mit staunenden Sprachbrocken kommentieren: "Wie geil ist das den..., ein Knaller..." Einer von ihnen, ein schlanker Junge unter einer Baseball-Mütze, greift sich einen der Game-Controler und zeigt der versammelten Runde, wie man dieses Rennen richtig fährt.
Während auf der Projektionsfläche die ersten Motoren explodieren ("Du musst schneller hoch schalten"), macht auch in der richtigen Welt eine Antriebsmaschine schlapp: Die Idee, den Generator zwecks Schalldämpfung in eine Holzkiste zu packen, war wohl doch nicht die beste. Er bekommt keine Luft. Mit ein paar beherzten Handgriffen wird das Aggregat auf die Wiese gehoben und schon kann es weiter gehen.
"Das einzige Problem, das unserer Meinung nach auftauchen könnte, wären Anzeigen wegen Lärmbelästigung", sagt Heikhaus, "aber es ist halt eine private Veranstaltung, in einem öffentlichen Raum, da weiß man vorher nie, wie die Ordnungskräfte reagieren." Daher habe man auch diese leicht konspirative Form der Anmeldung gewählt. Wobei der SMS-Versand noch optimiert werden muss: "Ich habe die Mitteilungen dieses Mal tatsächlich alle über mein Handy verschickt, weil es so schnell gehen musste," stöhnt Heikhaus, "ich bekomme wahrscheinlich demnächst ein Angebot, meinen Vertrag auf so einen Teeny-Tarif mit 1000 Frei-SMS umzustellen."
Kenner der Internet-Branche kennen den Namen Jörg Heikhaus noch aus einem ganz anderen Kontext: Bis 2001 war der Siebenunddreißigjährige Vorstandsvorsitzender der Icon Medialab Deutschland AG, bis er es vorzog, die Chefetage mit der Kunstgalerie zu tauschen: "Ich war einfach nur noch ein Manager, ein Numberscruncher, es war viel zu weit weg von dem, was ich eigentlich machen wollte: kreativ arbeiten."
Organisieren hat Heikhaus also gelernt und so wundert es nicht, dass auch dieses Draußen-Spielen-Spaß-Projekt nahezu professionell durchgeführt wird. Ambitionen haben die Macher allemal: Noch in diesem Sommer soll das schwarz-rote Spielmobil durch München, Stuttgart, Leipzig und Frankfurt rollen. Der nächste Austragungsort des Open-Air-Racings wird am 15. Juli in Berlin sein. Wo? Handynummer hinterlassen und abwarten...
[1] http://www.undergroundbattle.org
[2] http://www.heliumcowboy.com
[3] http://www.airwastl.de
