
Internationale Weblog-Konferenz - Debatte über deutsche Online-Journale
Von Mario Sixtus
Für die einen sind sie Vorboten einer Medienrevolution, die anderen tun sie als Teenager-Hobby ab. Die Rede ist von Weblogs, jenen kleinen, meist nur von einer Person betriebenen Online-Magazinen, die in den USA bereits ein Massenphänomen geworden sind, hierzulande jedoch oft genug nur abschätzig belächelt werden.
Vielleicht ist ja die Presse daran schuld: In Ermangelung eines griffigen Vergleiches nutzen die deutschsprachigen Berichterstatter allzu gerne den Begriff "Online-Tagebücher", wenn sie Weblogs meinen. Das mag einer der Gründe dafür sein, dass Selbstpublizisten im deutschsprachigen Raum sich stets des Vorurteils erwehren müssen, lediglich Privates und Banales im Web zu veröffentlichen. Aber auch die Dienstanbieter haben an diesem Image mitgestrickt: "In Deutschland haben wir uns anfangs zu intensiv auf eine sehr junge Zielgruppe konzentriert", sagt Stefan Glänzer, Chef des Weblog-Services 20six, zu heute.de. Selbstkritisch gesteht er ein: "Wir haben sehr viel dazu lernen müssen."
Tatsächlich ist in Deutschland das inhaltliche Spektrum der Online-Journale breit gefächert. Hochgeistiges findet sich ebenso wie Medienjournalistisches, Studentisches, Juristisches und natürlich auch Persönliches. Einige Blogs gleichen kommentierten Linklisten, andere sind das Zeugnis ungezügelter Schreiblust.
7500 aktive deutsche Mini-Magazine
Ihnen allen gemeinsam ist, dass sie zu einer raren Spezies gehören. Erfreuen sich in den USA geschätzte 3,5 Millionen Menschen an der Möglichkeit des Publizierens per Mausklick, konnte Nico Lumma vom Hamburger Weblog-Dienstleister Blogg.de hierzulande gerade einmal 7500 aktive Mini-Magazine aufspüren.
Neben etlichen anderen Aspekten war auch diese Blog-Unlust der deutschsprachigen Netzbewohner ein Thema des internationalen Weblog-Kongresses Blog Talk 2.0, der Anfang dieser Woche in Wien stattfand. Rund 140 Besucher aus aller Welt waren dem Ruf der Donau-Universität Krems gefolgt und debattierten im Dachgeschoss des Bildungshauses Urania zwei Tage lang über Gegenwart und Zukunft der Online-Journale. Bezeichnend: Nach Angaben des Organisators Thomas N. Burg kamen lediglich ein Viertel der Teilnehmer aus einem deutschsprachigen Land.
Blog-Virus infiziert nur online
Stefan Glänzer berichtete von den Erfahrungen, die sein Unternehmen im Ausland gemacht hat: "In Frankreich und den Niederlanden gibt es diese Zurückhaltung nicht, die bloggen direkt los." Eine weitere Beobachtung: Berichterstattungen in den "alten" Medien bewirken nicht viel. "Das ist jedes Mal nur ein Strohfeuer", sagte Glänzer. Leute, die durch einen Artikel in einer Zeitung oder Zeitschrift auf die Blogosphäre aufmerksam werden, wären anfangs zwar enthusiastische Schreiber, würden ihr Weblog aber bald wieder verlassen. Offenbar kann man vom Blog-Virus nur online infiziert werden.
Etwas hilflos versuchte Michael Schuster vom Blog-Hoster Twoday.net die Situation zu erklären: "Einige Leute haben eben etwas zu sagen, andere nicht." Die nationale Diskrepanz erklärte das jedoch nicht. "Na und? Das ist in allen Ländern so.", murrte ein Besucher.
Konferenzereignisse in Echtzeit
Auch abseits der offiziellen Tagung war die Schreibfaulheit des Volkes, das sich doch so gerne als eines der Dichter und Denker sieht, ein Thema. Zumindest die deutschsprachigen Blogger sammelten auch abends in den umliegenden Biergärten noch fleißig Hypothesen für die deutsche Blog-Verweigerung. "Das liegt an der Obrigkeitshörigkeit der Deutschen", meinte einer, "Schreiben dürfen halt nur Profis. Wenn das jeder machen würde, wo kämen wir denn da hin?" Ein anderer spekulierte über mögliche psychologische Ursachen: "Viele Deutsche leiden unter versteckten Minderwertigkeitskomplexen. Die denken: Wer interessiert sich schon für meine Meinung." "Nein, sie trauen sich nicht, ihre Meinung zu sagen", vermutete ein dritter, "schließlich könnten sie ja Ärger mit ihrem Chef oder ihren Kollegen oder sonst wem bekommen."
Dass Weblogs als Medium der Berichterstattung hervorragend funktionieren können, dafür lieferte die Konferenz jedenfalls ein beachtliches Beispiel. Nahezu in Echtzeit veröffentlichten die Teilnehmer Gehörtes und Gesehenes in ihren Journalen. Dank Notebooks und Funknetz blieb kaum etwas von dem, was sich auf dem Podium zutrug innerhalb des geschlossenen Konferenzraumes. Binnen kürzester Zeit registrierte die Weblog-Suchmaschine Feedster mehrere Tausend Einträge zum Stichwort BlogTalk. So konnten sich auch Daheimgebliebene problemlos ein Bild vom Verlauf der Debatte machen. "Das ist halt P2P-Berichterstattung", sagte einer der Blogger.
Deutschland immer noch vor Wales
Eine Teilnehmerin von der britischen Insel hatte schließlich sogar einen kleinen Trost für diejenigen parat, die sich zuvor über die mangelnde Akzeptanz von Weblogs im deutschsprachigen Raum beschwert hatten. Sie selbst würde ihr Blog in walisischer Sprache verfassen, erklärte sie. Und verglichen mit der walisischen Blogosphäre wäre die deutsche doch nahezu riesig: "Es gibt 30 walisische Blogs - weltweit."
