
Newsfeeds erleichtern die Recherche im Web - sie bringen Surfer ohne Umwege auf die Magazinbeiträge, die sie interessieren
Von Mario Sixtus
Das Logo ist klein, hat einen orangen Hintergrund, und darauf prangen drei weiße Großbuchstaben: RSS, manchmal auch XML. Die Präsentation ist schlicht - so sehr, dass die Newsfeeds, auf die sie hinweist, fünf Jahre lang kaum auffielen. Dabei sind diese außerordentlich hilfreich für Leute, die im Internet ihren persönlichen Nachrichtenmix suchen. Hinweise auf Beiträge in wählbaren Onlinemagazinen oder Weblogs kommen damit automatisch nach Hause - samt direktem Verweis auf die entsprechende Seite. Das spart viel Surfzeit. Und wer die Benachrichtigungen sammelt, bekommt damit ein Spezialarchiv an Adressen, das exakt den eigenen Vorlieben entspricht. Newsfeeds könnten mittelfristig das Lesen im Web vollständig umkrempeln.
Daran dachten die Betreiber des Internetportals netscape.net noch lange nicht, als sie im Jahr 1999 überlegten, wie sie mehr Leser auf ihre Seiten locken könnten. Ihre Idee: Andere Websites sollten Überschriften und kurze Anreißer von Artikeln übernehmen. Klicks auf die Kurztexte würden die Surfer zum entsprechenden Artikel im Netscape-Portal führen. Kleine Angebote könnten so ihre Seiten automatisch mit frischen Informationen füttern - und Netscape würde seine Reichweite vergrößern. Zur technischen Umsetzung wurde der Standard "Rich Site Summary" (RSS) definiert.
Der Erfolg der Aktion hielt sich damals in Grenzen. Der Siegeszug von RSS begann erst Jahre später, als Weblogs - die kleinen, oft von einer Person betriebenen Onlinejournale - sich im Netz ausbreiteten. Fast alle dieser Mikro-Publikationen stellen ihre Inhalte parallel zur Website als maschinenlesbare RSS-Datei bereit. Freilich nicht, damit andere die Einträge auf ihre Seite einbauen. Die Daten werden vielmehr als Futter für so genannte Feedreader genutzt.
Diese Programme sammeln automatisch Informationen über Beiträge auf den ausgewählten Webseiten - und stellen sie ähnlich wie E-Mails dar. Das bedeutet, Surfer müssen sich nicht wie bislang von der Startseite über Untermenüs und Werbeeinblendungen eines Magazins durchklicken. Statt dessen genügt der Klick auf den Verweis in der RSS-Benachrichtigung, und man ist auf der gewünschten Seite. Immer mehr Internetnutzer wenden sich nun dieser praktischen Form der Web-Lektüre zu.
Das bleibt den Betreibern der großen Portale und Magazine nicht verborgen. Zunächst etwas zögerlich, beugen sie sich der Nachfrage, bieten zunehmend Newsfeeds an. Eigentlich widerspricht die Idee, Inhalte ohne Rahmen anzubieten, dem Geschäftsmodell der Großen: Richtet sich die Höhe ihrer Werbeeinnahmen doch nach "page impressions" - also der Anzahl von Seiten, die pro Monat aufgerufen werden. Rein kaufmännisch sind somit Leser, die sich orientierungslos durch Webseiten klicken und suchend eine Rubrik nach der anderen öffnen, durchaus erwünscht. Nun aber bestehen immer mehr Surfer darauf, zumindest einen Überblick über neue Artikel schnell und übersichtlich aufgetischt zu bekommen. Bevor die zur Konkurrenz wechseln, bekommen sie ihren Newsfeed - der dann allerdings selten groß herausgestellt wird.
Mittlerweile bieten nahezu alle namhaftes Seiten RSS an, teilweise sogar nach Rubriken sortiert. Selbst der Buchhändler Amazon offeriert Produktlisten in dem beliebten Format. Feedster ist die erste Suchmaschine, die nur RSS-Dateien liest und liefert passende Treffer meist Tage früher als etwa Google. Auch von Redaktionen betreute Verzeichnisse gibt es inzwischen.
Die Anbieter entscheiden, ob sie lediglich die Überschrift eines Beitrags übermitteln, ob sie eine kurze Zusammenfassung mitschicken oder ob sie sogar den kompletten Text des Artikels bereitstellen - inklusive der Fotos. Fachleute gehen davon aus, dass die RSS-Technik bald E-Mail-Newsletter ablösen wird. Denn Newsfeeds sind vor Spamfiltern sicher, die Rundbriefe in jüngster Zeit oft rigoros entsorgen. Zudem ist ein Feed-Abonnement ein vollkommen anonymer Vorgang: Statt einem unbekannten Dritten die eigene E-Mail-Adresse und oft weitere persönliche Daten anzuvertrauen, kopieren die Nutzer lediglich die Adresse der entsprechenden RSS-Datei in ihre Software. Datenschutz wie er sein sollte.
Wer sich daran gewöhnt hat, die Reise ins Web aus dem Feedreader heraus zu starten, wird sich wundern, so lange ohne ausgekommen zu sein. Mittlerweile diskutieren Entwickler über eine Umbenennung, denn "RSS" sei zu technisch. "Webfeed" ist derzeit ihr Favorit.
