
Erste Artikel der Mitmach-Enzyklopädie in gedruckter Form - Verein gegründet
Von Mario Sixtus
Die freie Online-Enzyklopädie Wikipedia bekommt Ableger. Immer mehr Seitenprojekte sprießen aus dem Netz: Das "Wiktionary" soll einmal ein ausgewachsenes Wörterbuch werden, mit "Wikiquote" entsteht eine Zitate-Datenbank und die so genannten "Wikireader" sind die ersten Wiki-Produkte, die man auch ohne Computermaus durchblättern kann: Sie bestehen ganz altmodisch aus Papier.
"Wir sehen durchaus Bedarf für gedruckte Versionen", sagt der deutsche Wikipedianer Arne Klempert. "Lange Texte werden einfach nicht so gerne am Monitor gelesen." Auch will man mit Hilfe der Papierausgaben versuchen, Leser zu gewinnen, die das Internet noch nicht so intensiv nutzen. Zwei kleine Hefte im Din-A-5-Format sind bisher erschienen, zu den Themenbereichen "Schweden" und "Internet". Ausgewählt, zusammengestellt und redigiert werden die Inhalte von Mitgliedern der Wikipedia-Community. Den Druck übernehmen Partnerunternehmen, die einen Teil der Einnahmen für die weitere Arbeit am Do-It-Yourself-Nachschlagewerk zur Verfügung stellen. Bestellen kann man die Büchlein im Wikipedia-Onlineshop.
Brockhaus-Verlag schaut interessiert zu
Auch wenn es nur ein zaghaftes Vortasten ist: Mit ihren ersten Druckwerken betreten die Freizeit-Redakteure aus dem Netz ein Terrain, das bislang kommerziellen Verlagen vorbehalten war. Bei Brockhaus werden die Aktivitäten der Amateurkollegen jedenfalls mit Interesse verfolgt: "Generell ist das eine prima Sache", sagt Bernd Kreissig von der Brockhaus Duden Neue Medien GmbH. "Wikipedia hat geholfen, die Relevanz des Themas 'Enzyklopädisches Wissen' einem breiteren Publikum klar zu machen." Schließlich habe es ja Leute gegeben, die behauptet hatten, das Internet würde Nachschlagewerke generell überflüssig machen. Davon rede heute niemand mehr. Aber als Konkurrenz mag er die Hobbyschreiber nicht sehen, eher als Inspiratoren: "Natürlich verändert ein Angebot wie Wikipedia auch die Erwartungen der Nutzer an eine Enzyklopädie. Die Existenz von Wikipedia könnte durchaus dazu führen, dass der Brockhaus zukünftig anders aussieht."
Kreissig verweist auf die Anstrengung, die es bedarf, einige hunderttausend Artikel zu pflegen und auf dem neuesten Stand zu halten. Ob die Wikipedia-Gemeinschaft dazu in der Lage sei, "muss sich noch zeigen".
"Qualitätsoffensive" gestartet
Auch bei den Netz-Enzyklopädisten selbst ist man sich dieser Gefahr bewusst und hat daher die Nutzer zu einer "Qualitätsoffensive" aufgerufen. Gezielt will man nun einzelne Artikel überarbeiten, entrümpeln und lose Enden verbinden. Einige Wikipedianer haben dabei besonders den Januar 2005 im Auge. Dann soll voraussichtlich der erste Band der neuen Brockhaus-Ausgabe erscheinen und bis dahin sollen auch möglichst viele Wikipedia-Artikel in neuem Glanz erstrahlen.
Wikipedia-Verein gegründet
Zweck des Vereins soll es auch sein, künftig das Sammeln von Spenden zu erleichtern. Denn die sind nötig: Der aus 14 Rechnern bestehende Serverpark in Florida, auf dem sämtliche Wikipedia-Versionen zentral gehostet werden, stöhnt monatlich unter einem Datenverkehrsaufkommen von 4,5 Terabyte. Zwar zahlt Wikipedie-Initiator Jimmy Wales die Datentransfergebühren bislang generös aus eigener Tasche, aber: "Mittelfristig wollen wir das Projekt ausschließlich durch Spenden finanzieren", sagt Klempert. In den nächsten Wochen wird daher in Frankreich eine ähnliche Organisation gegründet. Weitere Länder sollen folgen.
So international wie die Gemeinschaft der Wissenssammler könnte auch der deutsche Verein werden. Die Mitgliedschaft ist an keine Staatsangehörigkeit gebunden. Ein Gründungsmitglied lebt beispielsweise in China.
Links:
Wikipedia (deutsch)
Verein Wikimedia Deutschland
Brockhaus-Verlag

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