
Steckt ein flüchtiger Krimineller und bekannter Spammer hinter der Tauschbörse Earthstation5?
Von Mario Sixtus und Oliver Eberhardt
Filesharing ist mittlerweile eine riskante Angelegenheit. Die Unternehmensverbände der Musik- und Filmindustrie haben die USA bekanntlich mit einer Klagewelle gegen die Nutzer von Peer-to-Peer-Systemen überzogen. Als im Sommer diesen Jahres Earthstation 5 – oder kurz ES5 - die Internet-Bühne betrat, schien es, als wäre das Schlaraffenland für Datentauscher eröffnet worden: Mit vollständiger Anonymisierung der Nutzerdaten wurde geworben und die Dateitransfers sollten überdies verschlüsselt sein. Obendrein: Gänzlich frei von Ad- oder Spyware sei der Client.
"Wir befinden uns im Krieg mit der MPAA und der RIAA", tönte der Unternehmenschef Ras Kabir. Und: "Widerstand ist zwecklos, wir haben jetzt die Kontrolle!". Juristisch sei ES5 unangreifbar, da der Unternehmenssitz in einem Flüchlingscamp in Dschenin, innerhalb der palästinensischen Autonomiegebiete, liege. In Selbstdarstellungen feierte sich das Unternehmen als buntes Multi-Kulti-Grüppchen, das die Welt mit kostenlosen Filmen und Musikstücken beglücken will.
Die Kunde von den palästinensischen P2P-Piraten verbreitete sich wie ein digitales Lauffeuer. Binnen kürzester Zeit fand sich die ES5-Software auf allen wichtigen Download-Servern.
Von Beginn an erschien die Geschichte mit dem palästinensischen Flüchtlingscamp jedoch mehr als zweifelhaft. In Dschenin gibt es oft genug Probleme mit der Wasser- und Stromversorgung. Der geregelte Betrieb einer Internet-Serverfarm wäre dort kaum vorstellbar. Suspekt erschien auch das Geschäftsmodell: Das Verschenken werbefreier Software hat noch niemanden reich gemacht.
Mittels einer Routenverfolgung zu den ES5-Servern, lassen sich die Daten bis ins Netz des israelischen Telekommunikationskonzerns Golden Lines in Petach Tikvah verfolgen. Dort bestätigte man diese Tatsache und deute an, Mitarbeiter könnten unter Umständen ein doppeltes Spiel spielen. Auch wisse man nicht, "wohin die Daten fließen". Auffällig: Obwohl das Unternehmen seit mittlerweile gut zwei Monaten über diese Merkwürdigkeiten informiert ist, hat sich am ES5-Datenweg bis heute noch nichts geändert.
Wie die Fachzeitschrift c't in ihrer heutigen Ausgabe berichtet, bestehen deutliche Verbindungen zwischen Earthstation 5 und dem mehrfach vorbestraften und von den US-Ermittlungsbehörden gesuchten Stephen Michael Cohen. Der mehrfach vorbestrafte Cohen hatte 1995 mit Hilfe von gefälschten Briefen an die damalige Domain-Registrierungsstelle NSI die Internet-Domain Sex.com unter seine Kontrolle gebracht und mit der dazugehörigen Porno-Website ein Vermögen gemacht. Anfang 2000 wurde er gerichtlich zur Herausgabe der Internet-Adresse, sowie zu einer Schadensersatzzahlung von 65 Millionen Dollar an den rechtmäßigen Eigentümer Gary Kremen verurteilt. Cohen entzog sich der Zahlung allerdings durch eine Flucht nach Mexiko. Seit Anfang 2001 wird er per Haftbefehl gesucht. Mit seinem in Tijuana ansässigen Unternehmen Pac Net S.A. verdient Cohen seitdem sein Geld mit dem, was viele "die Pest des Informationszeitalters" nennen: Mit dem Massenversand von Werbemails für Viagra und Vitaminpräparate.
"Steve Taylor", der Sprecher von Earthstation 5, teilt sich mit Stephen Cohen Telefonnummern und Email-Accounts. Des weiteren verschickt ES5-Chef Ras Kabir seine Emails nachweislich über die Server von Pac Net in Mexiko. Eine eindeutige Verbindung ist also durchaus vorhanden. Alles weitere ist Spekulation. Fachleute warnen bereits seit längerem davor, dass Spammer sich zunehmend mit Programmierern zusammentun um neue Wege für den Versand ihres Werbemülls zu finden. Der im Sommer aufgetauchte Email-Wurm "Sobig" gilt nur als erstes Anzeichen dieses Trends.
Haben die Leute um Cohen also das Versprechen des anonymen Datentausches nur in die Welt gesetzt, um Tausende von Internet-Usern zum Download und zur Installation des notwenigen Software-Clients zu verführen? Werden diese PCs sich vielleicht irgendwann unbemerkt in Spam-Schleudern verwandeln? Diese Fragen kann momentan wohl niemand eindeutig beantworten. Allerdings: Eine "Hintertür" im ES5-Programm wurde bereits entdeckt: Im Oktober gelang es einem pfiffigen Programmierer, einen Teil der Software zu dekodieren. Dabei entdeckte er eine Funktion, die es einem entfernten Angreifer erlaubt, durch den Versand eines speziellen Datenpakets, sämtliche Dateien auf einem Windows-Rechner zu löschen.
Stephen Michael Cohen gilt als skrupelloser Berufskrimineller. Wer bereit ist, den Verlockungen des anonymisierten Filesharings nachzugeben und sich ein Stück Software auf dem PC zu installieren, das angeblich von einem fröhlichen Daten-Hippie-Trüppchen aus dem Nahen Osten stammt, der sollte sich dreimal überlegen, ob er auch ein Programm von Stephen Cohen auf seinem Rechner haben will.
Eine der ältesten Netzweisheiten lautet: "In the Internet nobody knows you're a dog." Und nicht alles, was bunt und groovy daherkommt, ist es auch wirklich.
