Melodien für Millionen

Moderne Handy-Klingeltöne bescheren der Musikindustrie neue Einnahmequellen -
Doch wie lange noch?

Von Mario Sixtus

Klingeltöne - im vergangenen Jahr wurden damit weltweit 3,5 Milliarden Dollar umgesetzt. Doch wie lange sie noch Hoffnungsträger der von Napster und Co. gebeutelten Musikindustrie bleiben, ist ungewiss. Das kalifornische Unternehmen Xingtech bietet im Internet eine Software zum Kauf an, mit der sich jeder beliebige Audiotrack in einen Klingelton wandeln und auf das Handy beamen lässt.

"Die Klage ist des Kaufmanns Lied", lautet eine Volksweisheit. So gesehen verhalten sich die Vertreter der Musikindustrie derzeit besonders standesgemäß. Bereits das vierte Jahr in Folge mussten in der Branche schmerzhafte Umsatzrückgänge verbucht werden. Glaubt man dem Lamento der Entertainment-Konzerne, so sind das Internet im Allgemeinen und illegale Tauschbörsen im Besonderen für diese Entwicklung verantwortlich.

Zwar hat inzwischen die Studie zweier Wissenschaftler der Harvard Business School und der Universität von North Carolina diesen Zusammenhang stark angezweifelt, aber die meisten Unterhaltungsindustriellen wollen mit dem Internet einfach nicht warm werden. Das zeigt sich auch im zögerlichen und halbherzigen Aufbau legaler Musik-Downloadmöglichkeiten. Statt der unkontrollierbaren und daher ungeliebten Internet-Gemeinde sollen künftig Handy-Nutzer dafür sorgen, dass es für die gebeutelte Branche bald wieder klingende Kassen gibt.

Zehn Prozent des Musikumsatzes

Bereits im vergangenen Jahr wurden mit dem Verkauf von Klingeltönen weltweit 3,5 Milliarden Dollar umgesetzt, meldet das Beratungsunternehmen Arc Group. Das wären immerhin bereits zehn Prozent des gesamten Musikumsatzes. In Großbritannien werden Berichten zufolge schon jetzt mehr Handy-Sounds als CD-Singles verkauft. Das Branchenblatt Music Week will daher auf der Insel künftig eine Top-20-Liste der meistverkauften Klingeltöne veröffentlichen.

Die größten Hoffnungsträger der Musikindustrie sind die "Real Tones". Diese bis zu 30 Sekunden langen Ausschnitte aus Original-Songs ersetzen bei Geräten der neuesten Generation die nervigen Piepstöne. Beim Mobilfunk-Portal Jamba, das kürzlich erst für 228 Millionen Euro vom US-Unternehmen VeriSign übernommen wurde, machen die kurzen Popmusik-Schnipsel bereits zehn Prozent des Klingelton-Geschäftes aus. "Mit sehr stark steigender Tendenz", wie Unternehmenssprecher Tilo Bonow sagt.

Doppelt so teuer wie Popsong selbst

Für die Musikindustrie bergen die Real Sounds einen enormen Vorteil: Während bei herkömmlichen, mono- oder polyphonen Handyklängen lediglich der Autor und dessen Verlag Tantiemen kassieren, halten bei den Popsong-Häppchen auch die Labels, als Rechteinhaber der entsprechenden Aufnahmen, ihre Hände auf. Das freut zwar die Branche, sorgt aber zugleich dafür, dass sich der Kaufpreis solch eines kurzen Klangvergnügens bei stattlichen 2,50 Euro bewegt. Somit wird für die Kurzversionen eines aktuellen Popsongs rund doppelt so viel berechnet wie für den Download der kompletten Fassung von einer der legalen Musik-Plattformen.

Trotzdem scheint das Konzept der Real Tones bei der jungen Zielgruppe anzukommen. Das liegt sicherlich zum Teil daran, dass Handy-Nutzer es gewohnt sind, für Zusatzdienste zur Kasse gebeten zu werden, der Hauptgrund für diesen Erfolg dürfte allerdings ein technischer sein: Die Klingeltöne lassen sich weder kopieren, noch von einem Gerät zum anderen übertragen. Wer sein Telefon mit den neuesten Chart-Hits bestücken will, kommt um den legalen Erwerb der Musik-Samples bislang nicht herum.

Kopierprogramm für 15 Dollar

Doch die frisch angebohrte Geldquelle könnte bald versiegen, noch bevor sie richtig zu sprudeln begonnen hat: Das kleine kalifornische Unternehmen Xingtech bietet im Internet eine Software zum Kauf an, mit der sich jeder beliebige Audiotrack in einen Real Tone wandeln und auf das Handy beamen lässt. Für gerade einmal 15 Dollar erlaubt das Programm die Herstellung und Übertragung von beliebig vielen Klingeltönen. Musikliebhaber können sowohl Songs aus ihrer CD-Sammlung, als auch MP3-Dateien, etwa aus P2P-Börsen, nutzen. Zurzeit funktioniert das System lediglich in einigen Handynetzen der USA, eine internationale Programmversion befindet sich aber bereits in der Testphase und soll bald offiziell angeboten werden.

Pessimisten fürchten, mit Xingtone könnte die Kostenlos-Mentalität des Internets auch bald in die Mobilfunknetze schwappen. "Es ist problematisch, weil es das Potenzial hat, ein Geschäftsmodell auszuhöhlen, das sich erst in einer frühen Entwicklungsphase befindet", sagte EMI Music Vizepräsident Ted Cohen der US-Zeitung Mercury News.

Links:
Studie über den Einfluss von Filesharing auf CD-Verkäufe (Engl., PDF)
Xingtone



Kurze Werbeunterbrechung:


Kommentare dazu:

Ich kann es nicht mehr hören, dieses Gejammere der Musikindustrie. Erst werden systematisch alle alternativen Musikplattformen (z.B. das alte VIVA II) plattgemacht und dann wird nur noch den ganzen Tag gesichtsloser Mainstream gespielt. Wenn sich ein Produkt nicht mehr verkauft, dann sollte man vielleicht mal über den Inhalt nachdenken. Mit Jammern und Schuldzuweisungen kommt man keinen Schritt weiter. Wie war das mit dem Bauern, der nicht schwimmen kann und der Badehose ???


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