
Papierversion hilft Wikipedia
Von Mario Sixtus
Auf den ersten Blick besteht die Grundlage von Wikipedia aus gelebter Anarchie: In der Online-Enzyklopädie darf jeder Leser Artikel ändern, ergänzen oder ganze Passagen löschen. Erstaunlicherweise ist das Resultat keine Ansammlung von digitalen Schmierereien und Reklame, wie man es aus Webforen oder Gästebüchern kennt. Ganz im Gegenteil: Viele Einträge in dem Online-Nachschlagewerk können einem Vergleich mit kommerziellen Lexika oft standhalten.
Der Umfang wächst stetig. Mit den Erläuterungen zum Opel Laubfrosch kam nun der hunderttausendste Artikel der deutschen Version dazu. Täglich entstehen 500 Einträge. Damit das Netz-Lexikon weiter gedeihen kann, hat sich in Berlin jetzt der Verein "Wikimedia Deutschland - Gesellschaft für die Förderung Freien Wissens" gegründet. "Das Wiki-Prinzip ,Jeder macht irgendetwas' funktioniert zwar online, nicht aber, wenn man Planungssicherheit für die Zukunft des Projektes will", erläutert Arne Klempert, frisch gewählter zweiter Vorsitzender die Notwendigkeit des Schritts. Die Gemeinnützigkeit haben die Initiatoren des Vereins beantragt.
Projekt ist auf Spenden angewiesen
Hauptaufgabe der Organisation wird es sein, Spenden zu sammeln. Denn das Projekt kostet Geld - auch wenn die Einträge ohne Honorarrechnung kommen und die Abrufe für die Surfer frei sind. Denn immerhin 4500 Gigabyte an Daten bewegt das Lexikon jeden Monat - und dieses Übertragungsvolumen müssen die Wikipedia-Macher bezahlen. Genau wie den zentralen Serverpark in Florida, der die Wikipedia-Ausgaben in bislang 80 Sprachen bereit hält.
Die Nutzer der Enzyklopädie erwiesen sich glücklicherweise als spendabel. Auf 20 000 Dollar hofften die Wikipedianer vor einigen Monaten, als sie um Spenden für Hardware baten. "Die Summe hatten wir nach 24 Stunden zusammen", freut sich Klempert. Insgesamt lief das Dreifache des erhofften Betrages ein. "Das war der Moment, in dem die Wikipedia-Gemeinschaft gemerkt hat, dass es viele andere gibt, die gut finden, was wir machen."
Seit Neuestem existieren die ersten Artikel aus Wikipedia parallel auf einem Internet-untypischen Medium: Papier. Sammlungen zu den Themenbereichen "Internet" und "Schweden" sind in Form von kleinen Heften erhältlich. "Wir sehen durchaus Bedarf in einer gedruckten Version", sagt Klempert. "Lange Texte liest man einfach nicht so gerne am Monitor." Auch will man mit den Papierausgaben versuchen, Leser zu gewinnen, die das Internet noch nicht intensiv nutzen. Partnerunternehmen übernehmen den Druck der so genannten Wikireader und geben einen Teil des Umsatzes an den Verein.
Vom Wachstum als Maßstab kommt die Wikipedia-Gemeinde mittlerweile ab. Seit einigen Wochen rufen die Administratoren unter der Überschrift "Qualitätsoffensive" dazu auf, verstärkt Einträge zu überarbeiten, auszumisten und lose Enden zu verbinden. "Viele Artikel zu haben, sieht zwar immer gut aus, sagt aber natürlich nichts über die inhaltliche Qualität", sagt Klempert. Und: "Die neuen Artikel kommen quasi von alleine."
Enzyklopädie Wikipedia: http://de.wikipedia.org
