
Musik ohne CD, Filme ohne DVD - die Festplatte im Computer wird zur häuslichen Medienzentrale
Von Mario Sixtus
Die Unterhaltungswelt ist dabei, sich zu entstofflichen. Das Marktforschungsunternehmen Forrester Research sagt der CD ein baldiges Ende voraus, und auch die DVD soll bald ihre besten Zeiten hinter sich gehabt haben. Dank sinkender Preise für schnelle Internetzugänge und kostengünstiger Massenspeicher erreichen immer mehr Songs und Filme die Konsumenten via Datenleitung - und bleiben auf der Festplatte gespeichert.
Die wichtigste Rolle dabei dürften Tauschbörsen spielen. Aber der erstaunlich erfolgreiche virtuelle Musikladen "iTunes Music Store" des Computerherstellers Apple zeigt, dass keineswegs nur die Alles-Gratis-Mentalität den Trend ausmacht. Für das Jahr 2004 haben wenigstens zehn Musikdownloaddienste ihren Start angekündigt. Von der Filmindustrie sagt man, sie erwäge ähnliche Möglichkeiten des bezahlten Filmdownloads. Nicht zuletzt sorgen mehr selbst geschnittene Urlaubsvideos für eine Medienflut auf dem heimischen PC.
Wer seinen Rechenknecht nicht in der guten Stube stehen hat, muss in der neuen Medienwelt freilich viele Hürden nehmen: MP3-Lieddateien wollen als Musik-CD gebrannt werden, bevor die Hifi-Anlage damit etwas anfangen kann. Auch DivX-Filme müssen meist in ein anderes Format umgewandelt werden und landen danach, je nach Brenner, als SVCD oder DVD im DVD-Spieler. Zwar existieren für den mobilen Musikgenuss mittlerweile preiswerte und brauchbare MP3-Player. Aber wer will schon die kleinen Dinger an die Stereoanlage friemeln und Songs per Mini-Knöpfchen auswählen?
Die Übertragungslücke zwischen Stereoanlage oder Fernseher auf der einen Seite und PC auf der anderen, kann eine geschickte Vernetzung schließen. Entweder mit vielen Kabeln und Adaptern. Oder mit so genannten Streaming-Boxen, die sich neuerdings als Mittler zwischen den Welten anbieten. Für 150 bis 300 Euro bieten die kleinen Kisten höchst unterschiedliche Funktionen und Möglichkeiten.
Das Grundprinzip ist jedoch bei allen Modellen gleich: Die Box liest über eine Netzwerkverbindung Multimedia-Dateien von der Rechner-Festplatte und wandelt sie in gängige Video- und Audio-Ströme um. Fast alle Geräte hören auf eine Fernbedienung. Leider enden hier die Gemeinsamkeiten schon - und wie so oft ist der Vergleich leidige, aber erste Konsumentenpflicht. Scart, S-Video oder Composite, Digital-Koaxial oder optisch: Der Abgleich mit vorhandenen Geräten, der individuelle Kompatibilitäts-Check bleibt nicht erspart.
Auch die Wahl der Vernetzungsmethode hängt von den eigenen Bedürfnissen und Möglichkeiten ab. Verfügt der PC über ein Wireless-LAN-Modul, bietet sich eine Streaming-Box an, die ebenfalls drahtlos arbeitet. Aber Vorsicht: Der verbreitete Standard 802.11b mit seinen elf Megabit pro Sekunde (die zudem in der Praxis fast nie erreicht werden) ist für eine flüssige Videowiedergabe in DVD-Qualität wenig geeignet - es ruckelt und springt auf dem Bildschirm. Außerdem senken dicke Wohnungswände den Datendurchsatz oft erheblich. Besser ist der neue Standard 802.11g, der mit seinen theoretischen 54 Megabit wesentlich mehr Kapazität bietet. Wer vermeiden möchte, dass die Nachbarschaft mithört und -sieht, muss die Netzverschlüsselung einschalten.
Als Alternative zur Funktechnik in der Heimvernetzung kommt in jüngster Zeit auch der Power Line Carrier (PLC) nach dem Homeplug-Standard zum Einsatz: Der Datenverkehr wird auf das hausinterne Stromnetz moduliert. Auch dabei gilt: Der Datendurchsatz kann schwanken und ist für High-Quality-Videoübertragung zu knapp bemessen.
Wer sichergehen will, greift zur guten, alten Netzwerkleitung. Zwar hat man einmalig die Mühe der Verlegerei, dafür ist die Technik erprobt, abhörsicher und in Sachen Bandbreite kaum zu schlagen. Obendrein ist die Kabellösung mit Abstand die preiswerteste. High-Tech-Freaks, die mehr als eine reine Abspielstation im Wohnzimmer haben wollen, legen sich statt einer Streaming-Box vermehrt einen Zweitrechner zu, der jedoch möglichst nicht an die grauen Büro-Kisten erinnern soll. Beliebt sind so genannten Barebone-Systeme: kleine, kompakte Geräte, deren Innenleben auf Kundenwunsch zusammengestellt wird und die sich vom Design neben dem Flachbildschirmfernseher nicht verstecken brauchen.
Den Trend zur Multimedia-Vernetzung hat auch Microsoft erkannt. Das Softwareunternehmen kündigt jetzt seine Softwarelösung "Windows Media Connect" für die Verschmelzung von Entertainment- und Computerwelt an. Namhafte Hardware-Produzenten wie Creative, Toshiba und Dell wollen das System unterstützen, das die Medienkompatibilität zwischen PC und Entertainment-Komponenten sicherstellen will.
Wer die Alles-in-einem-Lösung vorzieht und immer noch auf der Suche nach der Eier legenden Wollmilchsau ist, wird vielleicht in Idar-Oberstein fündig: Die kleine Hardwareschmiede Compmehr liefert mit dem "Erl5" einen Heimkino-kompatiblen Computer in DVD-Recorder-Optik. Neben den obligatorischen CD- und DVD-Funktionen erlaubt die schwarze Wunderkiste digitalen TV-Empfang, zeitversetztes Fernsehen, ist DSL-fähig, gibt Sound im 5.1-Digital-Format aus und ist komplett über Infrarottastatur oder Fernbedienung zu steuern.
Geräte wie der "Erl" dürften dafür sorgen, dass künftig noch mehr Stereoanlagen ihren Weg zu Ebay gehen werden. Auch nackte Zahlen belegen die Entwicklung zum PC als Home-Entertainment-Universalgerät: Allein im ersten Halbjahr 2003 schrumpfte in den USA der Umsatz mit Musik-Abspielgeräten um ein Drittel. Ausgenommen von dem Trend sind lediglich MP3-Player.
