Die Nepper-Nepper

Ungewöhnliche Gegner nehmen es mit den Betrügern der Nigeria-Connection auf: Spaßvögel schlagen zurück

Von Mario Sixtus

Irgendwann hatte Mike in Manchester die Nase voll von E-Mails, die ihm für ein paar Gefälligkeiten Anteile an Millionenbeträgen versprachen. "Anstatt die Mail direkt zu löschen, wie ich es sonst immer tat, antwortete ich darauf mit ein paar sehr eindeutigen Worten, die ich hier unmöglich wiedergeben kann", berichtet er.

Überraschenderweise schien das den Absender wenig zu stören, denn kurz darauf war wieder Post von ihm in der Mailbox. "Entweder sein Englisch war nicht gut genug, oder er hat sich nicht die Mühe gemacht, meine Nachricht überhaupt durchzulesen", erinnert sich Mike. "Er schickte sogar ein Passfoto mit. Natürlich eine Fälschung. Nach kurzer Überlegung beschloss ich, mich auf das Spiel einzulassen und signalisierte Interesse an seiner Offerte."

Von diesem Zeitpunkt an gehörte Mike zur Gemeinde der Scambaiter, auf Deutsch in etwa: Betrügerköderer. Scambaiting ist ein junger Internet-Sport, dem sich schon an die 150 Websites widmen. Das Prinzip ist simpel: Man wendet die gleichen Tricks wie die Gauner an - und versucht die Betrüger zu betrügen. Scambaiter verwickeln die Abzocker in oft monatelange E-Mail-Wechsel, erfinden haarsträubende Geschichten und machen die Täter zu Opfern. Amüsanterweise entpuppen sich dabei diejenigen, die von der Leichtgläubigkeit ihrer Mitmenschen profitieren, als mindestens genauso naiv - und nehmen den Scherzbolden noch so absurdeste Behauptungen ab.

"Meine Lieblingsgeschichte ist die mit dem Typ, der sich John Ademola nannte", erzählt Mike. "Ich machte ihm weis, ich sei ein Supermodel namens Gillian Anderson, und ich hätte mich in ihn verliebt." Die zärtlichen Mails an den Mann, der vorgab, Direktor der "Nigerian National Petroleum Corporation" zu sein, schmückte Mike mit Fotos der echten Gillian Anderson, bekannt aus der TV-Serie Akte X. "Ich erzählte ihm, ich würde ihn besuchen und eine Menge Geld mitbringen", lacht Mike. "Er buchte ein Zimmer im exklusiven Sheraton Hotel für mich. Auf eigene Kosten!" Gier macht nicht nur die Opfer blind, sondern bisweilen auch die Täter.

Diese und etliche andere Geschichten kann man auf Mikes Website 419eater.com lesen, die jede E-Mail dokumentiert. "Inzwischen ist Scambaiting zu einem Fulltime-Hobby geworden", sagt der Computer-Ingenieur, der "aus verständlichen Gründen" seinen Nachnamen nicht in der Zeitung lesen möchte. "Ich verbringe jeden Abend zwei Stunden mit der Beantwortung von E-Mails. Dazu kommt noch die Arbeit an der Website."

Einer der wichtigsten Aspekte des Scambaitings ist das Trophäensammeln. Fotos der Schwindler sind dabei beliebt. Die Spaßvögel verlangen als Vertrauensbeweis, dass ihre Mail-Partner dämliche Posen einnehmen oder ein Schild mit einer vorher besprochenen Botschaft hoch halten. Oft ist die eindeutig zweideutig. So überredete ein Scambaiter, der sich Bill Smith nannte, einen vorgeblichen Dr. Ulaoma Okoro mit einem Zettel vor der Kamera zu posieren, auf dem sich der Name von Smiths angeblicher Firma befand: "Iama Dildo".

Mikes ganzer Stolz ist das Foto eines Samuel Eze, auf dem er eine Packung Toastbrot auf dem Kopf balanciert. Mike war in die Rolle des "Father Ted Crilley" geschlüpft, einer Figur aus einer populären BBC-Sitcom. Als Gemeindevorstand der "Church of Bread and Wine" hatte er das Bild als Zeichen des Vertrauens angefordert.

Allen, die Mitleid mit den geneppten Neppern bekommen, entgegnet Mike: "Es handelt sich schlicht um Kriminelle. Sie haben ein Leben als Verbrecher gewählt und müssen die Konsequenzen tragen." Und noch etwas ist ihm wichtig: "Es gibt Leute, die werfen mir Rassismus vor." Das weist er zurück. "Es ist traurig, dass die meisten dieser E-Mails ihren Ursprung auf dem afrikanischen Kontinent haben. Ich würde weiße Betrüger genauso behandeln."

Zu den Königen der Scambaiter zählt, wer es schafft, die Betrüger so weit zu manipulieren, dass sie Geld schicken - selbst wenn es nur kleine Beträge sind. Einige Fälle aus der Champions League finden sich im Web. So mühte sich ein Scambaiter aus Singapur unter dem Pseudonym Kouba Deissmann fünf Monate lang, bis Ade Williams ihm "als Symbol des guten Willens und des Respekts" eine 500-Naira-Note schickte - etwa vier Euro. Der Versand des Geldscheins mit einem internationalen Kurierdienst dürfte ein Vielfaches gekostet haben.

Die bekannteste der Scambaiting-Websites ist sicher Scam o Rama. Sie klärt auch auf. Es gibt Verweise zu Ermittlern und Strafverfolgungsbehörden ebenso wie ein Verzeichnis der häufigsten Betrugsmaschen. Aber natürlich werden auch Nachwuchs-Scambaiter mit Tipps versorgt. Scam o Rama erklärt, wie man sich eine unauffällige Voicemail- und Web-Faxnummer zulegt, um all die gefälschten Dokumente zu empfangen. Eindringlich wird vor jeder persönlichen Kontaktaufnahme gewarnt: "Das ist Sache der Polizei." Denn bei aller Albernheit und allem sportlichem Ehrgeiz solle man nicht vergessen, dass man es mit Kriminellen zu tun hat.

Hatte Mike aus Manchester schon mal das Gefühl, sich in Gefahr zu begeben? "Ich bin recht vorsichtig und gebe niemals meine realen Kontaktinformationen preis. Trotzdem bin ich natürlich schon bedroht worden, nachdem ich die Flunkerei enthüllt hatte. Es gab sogar mal einen Voodoo-Fluch, der dafür sorgen sollte, dass mein Penis binnen 24 Stunden abfällt. Glücklicherweise hat der nicht gewirkt."

Scambaiter-Websites

http://www.419eater.com
http://www.scamorama.com
http://baita.mugu.co.uk
http://www.whatsthebloodypoint.com



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