
Zehn Jahre Bielefeld-Verschwörung: Ein Stück Internet-Folklore hat Geburtstag
Von Mario Sixtus
Anhänger der Bielefeld-Verschwörung bestreiten vehement die Existenz der ostwestfälischen Stadt. Gegenteilige Behauptungen seien nur Teil eines groß angelegten Komplotts oder das Resultat einer Gehirnwäsche. Vor fast genau zehn Jahren wurde dieses satirische Gedankenkonstrukt erstmals auf die Welt los gelassen - und ist seitdem nicht tot zu kriegen.
Im Mai 1994 war das Internet in Deutschland noch ein weitgehend unentdecktes Land. Die noch junge Deutsche Telekom versuchte immer noch wacker, die Bundesbürger von ihrem Online-Dienst namens "Bildschirmtext" (Btx) zu überzeugen und vom World Wide Web war hierzulande kaum eine Rede. Die deutschen Internet-Pioniere trafen sich damals vielmehr im Usenet, jenem Gebilde aus virtuellen Diskussionsbrettern, auf denen Debatten zu fast jedem vorstellbaren Thema geführt wurden.
Große Konspiration?
Ebendort veröffentlichte der damalige Kieler Informatik-Student Achim Held am 15. Mai 1994 einen Beitrag, dessen Einleitung dramatischer nicht hätte sein können. "Ich kann das heute nicht mehr für mich behalten, ich muss endlich unter Einsatz meines Lebens an die Öffentlichkeit gehen", konnte man dort lesen. Und weiter: "Die Menschheit muss aufgeklärt werden über die Bielefeld-Verschwörung!"
Menschen verschwanden
Einen Ort namens Bielefeld gäbe es gar nicht, erfuhren die verdutzten Leser. In einer groß angelegten Konspiration, die gefälschte Autobahnschilder, Autos mit unechten "BI-Kennzeichen" und sogar eine mysteriöse Fußballmannschaft namens "Arminia" umfasst, würde den Bundesbürgern vorgegaukelt, dass eine Stadt namens Bielefeld existiert. Natürlich hatte Achim Held sich auch Gedanken gemacht, wer dahinter stecken könnte:
"Hängt die Verschwörung mit der vorgetäuschten Mondlandung der NASA zusammen? Hat gar John F. Kennedy aus seinem von der CIA geschützten Exil heraus seine Finger im Spiel? Oder versuchen Außerirdische unter Führung der Venusiranerin Omnec Onec uns die Existenz von Bielefeld glauben zu machen? Hat das Ganze etwas mit der schlechten Star Trek-Synchronisation zu tun? Dient das ganze dazu, eine Basis der Reichsflugscheibenmacht zu verbergen?"
Aus dem Nonsens wurde ein Stück deutsche Internet-Geschichte. Etliche Netznutzer nahmen den Faden auf und spannen ihn fröhlich weiter. Von Bekannten war da die Rede, die plötzlich verschwunden waren, Tage später wieder auftauchten und mit leeren Augen und einem starren Blick erzählten, sie wären in Bielefeld gewesen. Selbst Gerhard Schröder müsse Teil der Verschwörung sein, schließlich behauptet er, dort 1965 das "Westfalen-Kolleg" besucht zu haben.
Immer phantasievoller wurden die Spekulationen über den Grund der gigantischen Täuschung. Wollten die Initiatoren, die stets geheimnisvoll nur "SIE" genannt wurden, verschleiern, dass dort, wo man die Stadt an der Leine vermuten sollte, in Wirklichkeit Elvis Presley und Kurt Cobain auf ihre Abholung durch Wesen aus dem All warteten? Hatte der Schwedische Geheimdienst dort ein Geheimlabor eingerichtet, weil man am Teuto den Eingang eines Jahrtausende alten Tunnels von Amerika nach Australien (mit Umweg über Atlantis) vermutete? Bernsteinzimmer? Stonehenge? Erdstrahlen? Kornkreise? Die Geschichte hatte eine Eigendynamik entwickelt und rollte beinahe autonom von Computer zu Computer.
Ein Studi-Scherz
Heute arbeitet Achim Held als IT-Berater in Kiel und hat immer noch keine Erklärung für den Erfolg seiner Story: "Wir haben damals viel Quatsch ins Usenet gepostet", sagt er, "normalerweise wurde ein wenig über die Texte gelacht, aber dann waren sie schnell wieder vergessen. Dass die Bielefeld-Verschwörung sich zu solch einem Selbstläufer entwickeln würde, hätte ich nie gedacht."
Die Idee entstand ursprünglich auf einer Studentenparty, inspiriert durch einen Bekannten, der damals die einschlägigen Esoterik-Magazine abonniert hatte und ausgelöst durch einen Anwesenden, der behauptete, aus Bielefeld zu stammen. "Irgendjemand rief dann: 'Bielefeld gibt es gar nicht'", erzählt Held. "Und so nahmen die Dinge ihren Lauf".
Satire - nicht für alle
Held ist sicher, dass der überwiegende Teil der Leute, die sich an dem Spiel beteiligten, sich des satirischen Charakters bewusst waren. Aber: "Es gab tatsächlich einige, die die Theorie für bare Münze genommen haben." Einmal kam es sogar zu einer unheimlichen Begegnung der dritten Art: "Irgendwann abends stand tatsächlich jemand vor meiner Tür, der irgendwie an meine Adresse gekommen war. Er erzählte mir von gemeinen Experimenten, die man mit ihm angestellt hätte und wollte sich mit mir über die Bielefeld-Verschwörung unterhalten. Das war schon sehr beunruhigend".
Warum gerade Bielefeld?
Auf den Ort im Teutoburger Wald sei man gekommen, weil es sich dabei um die "langweiligste und farbloseste Stadt" handelt, die man sich vorstellen kann. Schließlich hätte ja sogar die FAZ einmal getitelt: "Bielefeld, die Königin der Unstädte". Das ganze sei halt eine "prototypische Verschwörungstheorie für eine prototypische Stadt" gewesen.
Und was sagt man zu dem Vorgang, in der Stadt, die es angeblich nie gab? "Soll ich ehrlich sein?", fragt Gisela Bockermann, Leiterin des Presseamtes Bielefeld, "ich hasse es wie die Pest!" Bockermann weiter: "Es nervt schon bei der täglichen Arbeit. Vor allen Dingen wenn einem Leute Euch-gibt's-doch-gar-nicht-Mails schicken und glauben, das wäre ein neuer und toller Witz."
Fast fünf Jahre nach dem Ursprungs-Posting sah sich die Pressestelle der Puddingmetropole sogar veranlasst, eine dreiseitige Stellungnahme herauszugeben, die mit dem fett gedruckten und durch drei Ausrufungszeichen verstärkten Satz endet: "Bielefeld gibt es doch!!!" Nachdenklich könnte jedoch das Datum dieser Erklärung stimmen: 1. April 1999. Bielefeld nur ein Aprilscherz?
Auch im Jahre 2004 lebt die Mär im Netz weiter. In Webforen und Gästebüchern tauchen immer wieder einschlägige Bemerkungen auf und bei Wikipedia, der von Internet-Usern gepflegten Netz-Enzyklopädie, wurde kürzlich darüber diskutiert, ob man den Städteeintrag zu Bielefeld nicht wenigstens mit dem Satz "Es bestehen Zweifel an der Existenz dieser Stadt" ergänzen sollte.

Mfg Falk