
Sony gibt in Europa und den USA die Persönlichen Digitalen Assistenten auf - das könnte der Anfang vom Ende sein
Von Mario Sixtus
Der Unterhaltungselektronik-Riese Sony gibt in Europa und den USA das Geschäft mit digitalen Organizern (PDA) auf. Zum Jahresende sollen die Geräte der hauseigenen Marke Clié aus den Läden verschwinden. Offiziell ist von einer Auszeit die Rede. Aber Branchenkenner werten Sonys Ankündigung, die "Strategie im konventionellen Handheld-Markt zu überdenken", als Anfang vom Ende - denn vor allem Handys mit vielen Funktionen machen Palm und Co. zu schaffen.
Die Entscheidung wäre konsequent: Um satte 45 Prozent sind im ersten Quartal die Clié-Absatzzahlen eingebrochen, verglichen mit dem Vorjahreszeitraum. Sonys Anteil am PDA-Markt wird auf zehn bis 15 Prozent geschätzt; Primus ist Branchenpionier Palm One (2003 mit 36 Prozent) gefolgt von Hewlett-Packard (etwa 20 Prozent). Sony bietet mehr als 30 Geräte an - zu viele, um bei sinkender Nachfrage profitabel zu bleiben. Anders sieht es in Japan aus. Auf dem heimischen Markt trägt jeder zweite Organizer das Sony-Logo. Somit ist von einem Rückzug dort auch keine Rede.
Ein Beschluss mit Vorbildcharakter
Insider glauben, andere könnten Sony bald folgen und über ein Ende der PDA nachdenken. Die Unruhe bekommt auch das Software-Unternehmen Palm Source zu spüren. Neben dem Schwesterunternehmen, dem Hardwarehersteller Palm One, ist Sony wichtigster Lizenznehmer des Betriebssystems Palm OS. Nachdem Sonys Rückzug bekannt wurde, gab der Kurs der Palm-Source-Aktie um zwölf Prozent nach.
Die Verkaufszahlen der digitalen Organizer fallen seit zwei Jahren beharrlich. Obwohl die Hersteller die einstigen Werkzeuge für den Bürogebrauch mit Farbbildschirmen, MP3-Playern und Kameras zu Multimediameistern ausgebaut haben, verweigern die Konsumenten zunehmend den Griff zum Taschencomputer. Der Grund: Meist fehlen Internetzugang und Telefonfunktion. Und auf der anderen Seite waren die Entwickler der Mobilfunkbranche ebenfalls fleißig: Moderne Handys beherrschen nun klassische PDA-Anwendungen wie Adress- und Terminverwaltung. Auch sie erfreuen mit multimedialen Funktionen - und erlauben Surfen im Internet. Ganz nebenbei kann man damit auch telefonieren. Wozu also noch Westentaschenrechner?
Auch handfeste monetäre Argumente sprechen für den Griff zu den so genannten Smartphones: Mobilfunkanbieter subventionieren die cleveren Alleskönner mit mehreren hundert Euro. So verkauft T-Mobile den Nokia Communicator bei gleichzeitigem Abschluss eines Zweijahres-Kontrakts für rund 430 Euro. Ohne Vertrag wäre das Gerät 330 Euro teurer. Die Offerten von Vodafone, E-Plus und O2 sehen ähnlich aus. PDA-Verkäufern fehlen solche Bündelgeschäfte - sie sehen ihre Kunden ziehen.
Im Jahr 2003 gingen mit 13 Millionen erstmals mehr Smartphones als Taschencomputer (elf Millionen) über die Ladentheken. Vor einem Jahr hat Taschencomputer-Pionier Palm One für 170 Millionen Dollar den Konkurrenten Handspring gekauft, um sich mit dessen Treo-Serie ein Standbein im Smartphone-Geschäft zu schaffen.
Für viele Beobachter sind die Tage der PDA gezählt. Zumal die Mobilfunkbetreiber wohl UMTS-fähige Handys zu Kampfpreisen anbieten werden, deren Zusatzfunktionen die Kunden dazu verführen können, nicht nur zu telefonieren. Möglichst viele Nutzer sollen mit einem regen Einsatz der Datendienste die bisherigen UMTS-Milliardenverluste lindern.
Neue Chancen für Sony Ericsson
Ein Ende von Sony als internationaler Taschencomputer-Produzent könnte ein neuer Anfang für den Handyhersteller Sony Ericsson werden. Das japanisch-schwedische Gemeinschaftsunternehmen belegt mit einem Marktanteil von sechs Prozent zurzeit Platz fünf der Weltrangliste. Beobachter vermuten, Sony Ericsson habe sich bei PDA-ähnlichen Mobiltelefonen weniger stark engagiert als möglich, um dem Anteilseigner aus Nippon nicht allzu sehr in die Quere zu kommen. Nach dem Ende der Clié-Serie für internationale Käufer dürfte die Höflichkeit nun ein Ende haben.
Ob sich Palm Source Hoffnungen auf Geschäfte mit Sony Ericsson machen kann, muss sich zeigen. Bisher laufen die Organizer-Funktionen der Smartphones unter dem Betriebssystem des Konkurrenten Symbian, der mehrheitlich dem finnischen Handyhersteller Nokia gehört.
