Schlüssel gegen Spam

Yahoo macht seine Technik öffentlich, die gefälschte Mails erkennt - in Hoffnung, dass sie zum Standard wird

Von Mario Sixtus

Unerwünschte Mails legen das Kommunikationssystem der Bundesregierung lahm. Die Universität Braunschweig schaltet gar ihren Reklameschutz aus, weil selbst 20 Systeme zu langsam filtern - und gewünschte Nachrichten zu spät ankommen. Die Probleme, die Spam auslösen, spitzen sich dramatisch zu - aller verschärften juristischen Vorgaben zum Trotz. Yahoo geht nun in die Offensive und stellt fremden Anbietern und Entwicklern Teile seiner Abwehrtechnik zur Verfügung. Der Portalbetreiber hat den Programmcode an das Standardisierungsgremium Internet Engineering Task Force (IETV) übermittelt.

Dass alleine Gesetze gegen Werbemails wenig bewirken, befürchten Fachleute schon lange. Als Grund nennen sie das mehr als 20 Jahre alte Transportprotokoll SMTP. Die Abkürzung steht für "Simple Mail Transfer Protocol". Die Absprache, die die Übertragung von Nachrichten zwischen zwei Mailrechnern regelt, hat nicht zu Unrecht "Simple" in Namen. Denn ein Test, ob die Absender wirklich die sind, die sie vorgeben zu sein, fehlt dort. Das nutzen die Absender von Reklame genauso aus wie Betrüger, die von unbedarften Internet-Nutzern Passwörter oder Zugangsdaten ergaunern wollen ("Phishing"). Auch Mail-Würmer, die sich mit falschen Absenderdaten verbreiten, schlüpfen durch die Lücke.

Es gab schon viele Vorschläge, das für Internet-Verhältnisse antike Protokoll an die Gegebenheiten des 21. Jahrhunderts anzugleichen. Sie scheiterten meist daran, dass die Millionen, über den Globus verteilten Mailserver zeitgleich mit der Verbesserung ausgestattet werden müssen. Ein logistisch wie politisch kaum mögliches Unterfangen. Dagegen könnte das "Domain Keys" genante Verfahren, mit dem Yahoo gefälschte Absender erkennen will, nach und nach eingeführt werden.

Abgestempelte Briefe

Dabei sind zunächst die Betreiber einer Internet-Domain gefragt, an die Mailadressen gekoppelt sind. Sie lassen sich von dem System ein digitales Schlüsselpaar erzeugen - faktisch sind das zwei computererzeugte Textdateien. Einer der Schlüssel, der so genannte Public Key, wird an einer öffentlich zugänglichen Stelle hinterlegt. Yahoo schlägt dafür die Rechner des "Domain Name System" vor - jene Nachschlagewerke, die aus einer für Menschen einprägsamen Adresse wie www.fr-aktuell.de eine für das Netz technisch handhabbare Ziffernfolge wie 213.187.75.204 macht. Da nur der Besitzer einer Domain oder ein beauftragter Provider auf diese Rechner zugreifen kann, ist es praktisch ausgeschlossen, dort böswillig einen falschen Schlüssel abzuladen.

Mit Hilfe des zweiten, geheimen Schlüssels ("Private Key") wird automatisch eine einmalige, digitale Unterschrift erzeugt, die in die Kopfzeilen der ausgehende elektronische Post eingefügt wird. Erreicht ein derart abgestempelter Brief den für Mail zuständigen zentralen Rechner eines Empfängers, startet der eine Prüfung. Dazu löst er Signatur und vorgebliche Absenderadresse aus der Mail und schickt sie zum "Domain Name System". Das prüft, ob der private zum öffentlichen Schlüssel passt. Nur dann kommt die Mail tatsächlich von einer Adresse, die zur Domain des Absenders gehört.

Das ist aber noch nicht alles: Da die Signatur auch eine Prüfsumme der übertragenen Mitteilung enthält, kann das System obendrein sicherstellen, dass die Nachricht nicht zwischendurch abgefangen und verändert wurde. Nur wenn die Mail die Prüfung besteht, landet sie im Posteingang der Empfänger. Sonst wird der Brief je nach Einstellung gelöscht, in einen speziellen Ordner verschoben oder mit einem Warnhinweis ausgeliefert.

Zunächst wären die großen Versender gefragt. Sollten beispielsweise Unternehmen wie GMX, Web.de, AOL und T-Online bekannt geben, künftig die Mails ihrer Kunden nur noch mit einer digitalen Unterschrift zu versenden, muss im Umkehrschluss jede unsignierte Mail, die vorgibt, von dort zu kommen, eine Fälschung sein. Sie kann also automatisch gelöscht werden, ohne die Gefahr, dass vielleicht irrtümlich eine wichtige Nachricht verschwindet.


Schrittweise Einführung

Sämtliche Teilnehmer am System können auf die Datenbank der vertrauenswürdigen Sender zugreifen. Neue Partner werden automatisch eingetragen. Nach und nach könnte so die gesamte Mail-Infrastruktur im Internet besser werden, bis letztlich nur noch dunkle Gestalten Post verschicken, die unsigniert ist.

Und was sollte passieren, wenn auch die zum digitalen Absenderstempel greifen? "Hoffentlich", sagt dazu Yahoo. Denn dann würden ihre Reklame- und Betrugsmails zwar zugestellt, aber die Absender ließen sich problemlos ermitteln - und die bisher ins Leere laufenden Gesetze könnten ihre Wirkung entfalten.

Yahoo möchte "Domain Keys" zum offenen Internet-Standard machen und hat das Verfahren bei der Internet Engineering Taskforce (IETF) eingereicht. Mit den Entwicklern der populären Mail-Software Sendmail arbeiten die Portalmacher bereits zusammen, für andere Systeme soll es bald einfache Ergänzungen geben.

Andere Unternehmen arbeiten an ähnlichen Tricks gegen Spam. Microsoft hat sein Projekt "Caller ID" ebenfalls bei der IETF eingereicht. AOL, GNU.org und SAP favorisieren die Methode "Sender Policy Framework". Beide Systeme setzen wie Yahoo auf eine Überprüfung der Absender-Domain, verzichten jedoch auf das Prinzip des digitalen Schlüsselpaars. Ob sich die Konzerne auf einen gemeinsamen Standard einigen können, ist noch offen. Immerhin: Es sieht ganz danach aus, als würden sich die Großen der Branche inzwischen ernsthaft mit der Spam-Plage beschäftigen.




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