Barbaren an der Tastatur

Weblogs als heimliches Hauptthema des Weltwirtschaftsforums / Berichterstattung oft nur in den Online-Journalen

Von Mario Sixtus

Beim Weltwirtschaftsforum in Davos ist der Zugang für Journalisten traditionell sehr eingeschränkt. Bei vielen Workshops und Vorträgen haben sie keinen Zutritt, und zahlreiche Veranstaltungsareale sind für sie tabu. Trotzdem gab es in diesem Jahr Augenzeugenberichte und Reportagen aus erster Hand: in Weblogs oder kurz Blogs, den persönlichen Online-Journalen im Internet.

Ob Unternehmer oder Mitglieder unabhängiger Organisationen: Etliche Teilnehmer nutzten ihre Notebooks und das vor Ort vorhandene Funknetz, um die Welt an Vorgängen teilhaben zu lassen, die hinter verschlossenen Türen stattfanden. Die International Herald Tribune kommentierte dies mit kaum unterdrücktem Neid: "Dieses Jahr protestierten die Barbaren nicht vor den Toren, sie waren drinnen und schrieben Weblogs." Der japanische Venture-Kapitalist und populäre Blogger Joi Ito konterte mit einer Spitze gegen die klassischen Medien: "Die Herald Tribune mag ein gutes Blog sein, leider dauert es recht lange, bis die Einträge dort erscheinen."

Tatsächlich nutzten die Weblog-Schreiber unter den Teilnehmern die Grauzone, in der sie sich befanden, um über das Leben innerhalb dieses beinahe hermetisch abgeschlossenen Kreises zu berichten. Und auch nach Ende der Veranstaltung finden sich Analysen und Resümees in den Amateur-Journalen, die von Journalisten nicht publiziert werden konnten, weil diese schlicht vor der Tür bleiben mussten.

Nehmen die Hobbyschreiber den Journalisten nun die Butter vom Brot ? Sind Blogger eine Bedrohung für die News-Branche ? "Diese Fragen werden sehr oft von Profi-Journalisten gestellt", berichtet Joy Rosen, Vorsitzender des Fachbereiches für Journalistik an der Universität von New York. "Viele etablierte Journalisten verstehen unter einer ,Diskussion' über Weblogs nur, permanent diese eine Frage zu stellen und sie sich selbst ständig mit ,Nein' zu beantworten."

In der Tat scheint das Weblog-Phänomen ein Dauerthema in Davos gewesen zu sein. Und manche Besucher waren überhaupt nicht begeistert davon. Etwa Ethan Zuckerman, Geschäftsführer von Geekcorps, einer Nonprofit-Organisation, die technologische Unterstützung für Entwicklungsländer bietet. Auch er ist Weblog-Autor: "Ich bin nach Davos gekommen in der Hoffnung, über Unternehmertum in Afrika zu sprechen. Es endete damit, dass ich nahezu ständig übers Bloggen sprach."

Ito hatte damit offensichtlich kein Problem. Im Gegenteil: "Jeder in Davos ist mindestens ein CEO oder hat einen anderen beeindruckenden Titel. Ich habe mich die meiste Zeit einfach als ,Blogger' vorgestellt. Das war der einfachste Weg, die Was-ist-ein-Blog-Diskussion in Gang zu bringen."

Das Thema hatte in Davos sogar seine eigene Podiumsdiskussion. "Werden Mainstream-Medien Weblogs und das Internet kooptieren?", lautete der sperrige Titel der bis auf den letzten Platz gefüllten Veranstaltung. Neben Diskussionsleiter Rosen und Ito saßen auf dem Podium der französische Serien-Unternehmensgründer Loic Le Meur, Orville Shell, Dekan der Berkeley School of Journalism, und nicht zuletzt der Medienunternehmer Hubert Burda.

An provokativen Thesen und großen Visionen herrschte kein Mangel. Rosen erinnerte an die Vorläufer der modernen Zeitungen, die irgendwann in den Londoner Kaffeehäusern des 18. Jahrhunderts auftauchten: "Auch diese Publikationen waren zumeist das Werk einzelner Autoren, die in diesen Doppelblättern politische oder wirtschaftliche Ereignisse kommentierten. Die Quellen für diese Nachrichten waren oft genug private Korrespondenzen." Le Meur fand fürs Bloggen die Metapher des "Open Sourcing yourself" und sagte Blogs einen ähnlichen Einfluss auf die Medienwelt voraus, wie ihn Napster und andere Filesharing-Dienste auf die Musikbranche haben. Ito versuchte den Anwesenden die Gesamtheit der Blogs, die "Blogosphäre", näher zu bringen und erläuterte, wie Ideen und Theorien ihren Weg über "Power Blogs" bis in die Massenmedien finden können. Burda schließlich gab sich überzeugt, dass es für die Mikro-Medien auch einen Markt geben werde: "Es ist wie Kunst. Man kann Kunst auch nicht vorhersagen. Aber wenn es ein Publikum gibt, wird es auch ein Geschäftsmodell geben. Da bin ich sicher." Das Schlusswort der Veranstaltung mag für den einen oder anderen dann doch wie eine Drohung geklungen haben. "Das Zeitalter der Massenmedien ist genau das: ein Zeitalter, es muss nicht ewig anhalten", sagte Rosen.

Aber die Stärken der Online-Journale zeigen sich nicht im theoretischen Exkurs, sondern im praktischen Einsatz. Blogs sind persönlich, individuell und versuchen gar nicht erst, den subjektiven Blick zu verbergen. So kann man in Le Meurs Weblog auch das lesen, was auf dem Podium nicht mehr gesagt wurde, weil die Zeit zu knapp war. Oder man erfährt, was Ito von der vorangegangenen Diskussion hält: "Sie verstanden zwar das meiste, was ich sagte, aber mein Schwerpunkt lag doch ein wenig anders." Und man kann lesen, wie er Hubert Burda einschätzt: "Ich war extrem beeindruckt von seinem positiven und offenen Blick auf die Blogs."

In der Pressestelle von Hubert Burda Media wiederum scheint man vom Blog des Japaners sehr beeindruckt zu sein. Auf die Frage nach einer eventuellen Dokumentation von Burdas Diskussionsbeiträgen verwies man auf Itos Weblog: "Das verwenden wir hier auch intern." Das Blog eines Dritten als Instrument der Öffentlichkeitsarbeit eines Medienhauses. Die Zeiten ändern sich.

Joi Ito: http://joi.ito.com
Jay Rosen: http://www.pressthink.org
Loic Le Meur: http://www.u-blog.net/loic/
Ethan Zuckerman: http://blogs.law.harvard.edu/ethan/



Kurze Werbeunterbrechung:


Kommentare dazu:

Aha. Und du durftest rein oder hast alles aus den Blogs gelesen?! Gut, das Hubert schon den Markt entdeckt hat ;-) Danke für die Infos. Besten Gruß: Daniel


Aus der gleichen Publikation:

 





















































Blogs sind ein Paradies für Journalisten, wenn man weiß, wie sie funktionieren.

Blogosphäre: Kommunikationsgeflecht und Marketingfaktor

Den klassischen TV-Sendern laufen die Kunden davon. Immer mehr Internetnutzer ziehen sich ihr Programm direkt aus dem Netz - individuell, kostenlos und werbefrei

Der Mensch kehrt sein Innerstes nach außen – falls er die Software beherrscht

Social Software und das neue Leben im Netz

Die Vordenker der internationalen Weblog-Community trafen sich in Paris zum Gedankenaustausch

In der durchdigitalisierten Welt werden Entfernungen gleichgültig. Ferndiagnose, Fernwartung, Fernsteuerung: So genannte Remote Services spielen in Industrie, Medizin und vielen anderen Bereichen eine immer größere Rolle

Paderborn: 5. "RoboCup German Open" - Roboterfußball noch in Kinderschuhen

Ein viel versprechender Ordnungsversuch im Internet

Weblogs entwickeln sich zu einem Massenphänomen, doch die neue Internet-Publizistik ruft auch Kritiker auf den Plan

Podcasting heißt der neue Hit unter Hobby-Moderatoren und Hörern. Ein Player zeichnet die Sendungen automatisch auf

Entwickler und Marketing-Manager kennen oft die Bedürfnisse ihrer Kunden nicht – und produzieren Technik, die niemand braucht

Wer jemanden kennt, der jemanden kennt, macht leichter Geschäfte. Kontaktplattformen wie LinkedIn und OpenBC können helfen, diesen Jemand kennen zu lernen.

Hubert Burda Media lud zum "Digital Lifestyle Day"

Ein Gremium des Europa-Parlaments entscheidet heute, ob das Gesetzgebungsverfahren der EU komplett neu gestartet wird

Eine spanische Firma bietet Software, die Chart-Potenzial erkennen will - namhafte Produzenten nutzen das System

Das Pop-Geschäft war von je her ein Spiel mit vielen Unbekannten. Ein Unternehmen aus Spanien verspricht nun, das Risiko per Computeranalyse zu minimieren. Namhafte Produzenten nutzen bereits das digitale Hitparaden-Orakel. Gibt es eine mathematische Formel für den Massengeschmack?

Drei Schritte vor, zwei zurück und einen zur Seite: Der Hickhack innerhalb der EU um die Patentierbarkeit "computerimplementierter Erfindungen" steuert auf einen neuen Höhepunkt zu. Die Befürworter eines kompletten Neustarts des mittlerweile fast drei Jahre dauernden Verfahrens schöpfen Hoffnung: Polnische Diplomaten haben trickreich den Weg dafür frei gemacht.

Journalisten und Blogger belauern sich meist misstrauisch und sprechen sich gegenseitig die Glaubwürdigkeit ab. Dabei sind beide längst Teil eines einzigen - und einzigartigen - medialen Ökosystems innerhalb des Internets.

Deutschland verliert den Anschluss: Bei der Verbreitung schneller Internet-Zugänge liegt die Bundesrepublik EU-weit nur im Mittelfeld. Gerade einmal 6,6 Breitbandleitungen pro 100 Einwohnern zählte die EU-Kommission in Deutschland. Zum Vergleich: In Dänemark sind es 15,6 von 100. Spitze sind hierzulande nur die Preise. Erst langsam kommt Bewegung in den Markt.