
Das Potato-System will künftig Musikfans für die Weitergabe von Songs bezahlen, statt sie zu verklagen.
Von Mario Sixtus
Seit Anfang April gibt es für Künstler einen neuen Weg, ihre Musik über das Internet zu vertreiben. Das Potato-System [1] will sich dabei ganz auf die Informations-Eigendynamik innerhalb der Web-Gemeinschaft verlassen. Vorgestellt wurde die Idee erstmals auf der CeBit 2003. Seit Ende Januar dieses Jahres befindet sich das System im praktischen Testbetrieb auf dem Musikportal "Dorfdisco" [2] und im April gab schließlich auch die GEMA ihren Segen dazu.
Zunächst einmal funktioniert das Kartoffelprinzip wie jeder andere, kommerzielle Musik-Dienst im Internet auch. Der Kunde kann zwischen zahlreichen, mittlerweile gängigen Micropayment-Verfahren wählen und anschließend den Download der gewünschten Datei starten. Das Neue: Zusätzlich erhält er einen personifizierten Link, den er auf seiner Homepage platzieren kann. Folgt ein Besucher diesem Link, wird er an das Potato-Downloadsystem weitergeleitet und im Falle einer getätigten Transaktion werden dem Erstkäufer 20 Prozent der Kaufsumme als Provision angerechnet. Damit nicht genug: Auch an den Verkäufen, die künftig über den neuen Link, auf der Website des zweiten Kunden getätigt werden, partizipiert der erste Käufer – immerhin noch mit zehn Prozent. Selbst in der dritten Generation kassiert er nach diesem Schneeballsystem noch fünf Prozent und erst eine Link-Vererbung später ist Schluss.
Der Entstehung des Systems ging harte wissenschaftliche Arbeit voraus: Vor einiger Zeit diskutierten Jürgen Nützel und Rüdiger Grimm die aktuelle Problematik der Musikbranche während einer "Forschungssitzung" in einer "lokalen Einrichtung" in Ilmenau. Nach dem zweiten Bier hatten die beiden Dozenten der dortigen Technischen Universität die Lösung: "If you can't beat them, feed them." Die Idee ist so einfach wie radikal: Aus dem Dreierclub Plattenfirma, Künstler und Konsument, deren Bedürfnisse offenbar unmöglich unter einen Hut zu bekommen sind, wird einfach eine Partei ausgeschlossen: Die Musikindustrie. Vertrieb und Marketing sollen künftig die Musikfans mit ihren privaten Websites übernehmen.
Die Dateien selbst sind im Übrigen frei von jeglichen DRM-Einschränkungen. Keine Angst vor Filesharing, Herr Nützel? "Tauschbörsen, in denen alles gratis herumliegt, werden wir natürlich nicht vom Markt drängen können", antwortet er, "das sollen ruhig die Großen weiter versuchen und dabei ihren Ruf endgültig ruinieren." Das Potatosystem folgt eher einem Goodwill-Prinzip. Es setzt darauf, dass Musikhörer bereit sind, "ihren" Künstler zu unterstützen, weil sie seine Arbeit mögen und Spaß daran haben, diese weiter zu geben. Aber das System ist keineswegs nur auf Audiodateien beschränkt. In Zukunft könnten auf diesem Wege auch Filme oder Bücher den Weg zu ihren jeweiligen Liebhabern finden. Allerdings: "Gedruckte Bücher haben schon einige entscheidende Vorteile gegenüber E-Books", sagt Nützel, "bei Musik bringt mir die Plastikscheibe zunehmend weniger."
Bleibt noch die Frage nach dem Namen. Warum Potato? "Nun, ja", lacht Jürgen Nützel, "die besagte wissenschaftliche Sitzung fand in einer Ilmenauer Lokalität namens 'Verrückter Kartoffelkeller' statt. Das ist das ganze Geheimnis."
