
Wie man es macht, ist es verkehrt.
Von Mario Sixtus
Da achtet man bei der Auswahl des E-Mail-Dienstleisters darauf, dass dieser über einen serverseitigen Virenschutz verfügt, installiert sicherheitshalber auch auf dem eigenen Mail-Client einen Schädlingsfilter, klickt obendrein wirklich niemals auf Dateianhänge, die man nicht angefordert hat und dann das: "IN IHRER EMAIL WURDE EIN VIRUS ENTDECKT!" schreit einen in Versalien die Betreffzeile einer Mail an.
Nein, denkt man, das kann nicht sein und schaut sich den Tadel im Posteingang genauer an. Die Warnung kommt automatisiert aus dem Virenschutzsystem eines Mail-Server eines entfernten Bekannten. Tja, denkt man sich, W32/MyDoom bei der Arbeit. Der "erfolgreichste" Mail-Wurm aller Zeiten hat schließlich die unangenehme Eigenschaft, E-Mail-Anschriften von infizierten PC zu räubern und sich selbst unter diesen "geliehenen" Adressen weiterzusenden. Auf irgendeinem Rechner in den Weiten des Internet war dann wohl auch die eigene Adresse von dem Biest eingesammelt worden und unvermittelt steht man selbst als Virenschleuder da.
Was nun? Ignorieren? Das ist schwierig, könnte man doch von dem entfernten Bekannten für einen jener Attache-ment-Klicker gehalten werden, ohne die Würmer der Outlook-Spezies schon längst ausgestorben wären. Also antworten. Aber kompetent. Flugs eine Mail an den Bekannten geschrieben und einen Link auf eine erklärende Anti-Viren-Seite beigefügt. Kurz darauf die Antwort: "Kannte ich schon."
Und während der eigene, serverseitige Virenschutz eine Achtung-Virenverdacht-Mail nach der anderen ins Posteingangsfach schaufelt, dämmert es langsam und man beginnt nachzuzählen: Ein Mail-Server erhält eine infizierte Mail.
Dank neuer, aufgerüsteter Abwehrkräfte wird das Ungeziefer identifiziert, isoliert und a) eine warnende Mail an den vermeintlichen Absender generiert sowie b) dem eigentlichen Empfänger eine entsprechende Mitteilung übersandt. Wenn diese beiden sich nun befleißigen, einander von der vermeintlichen Gefahr zu berichten, dann sind zwei weitere elektronische Briefe im Spiel.
Eine einzige Wurm-Mail hat also, ohne selbst aktiv zu werden, immerhin vier weitere Postzustellungen ausgelöst. Gar nicht schlecht für einen sterbenden Parasiten. Und das Schlimmste: die E-Mails c) und d) wurden von den Bio-Komponenten des Netzes freigesetzt. Von vermeintlich vernunftbegabten, selbstbestimmten Wesen.
Wäre man böswillig, könnte man sagen, der Virus sei in diesem Fall auf den Menschen übergesprungen. Hochgerechnet auf die Abermillionen verseuchter Botschaften, die derzeit ihre Empfänger suchen, ist dieser Bio-Faktor ein ganz schön schweres Paket Netz-Traffic. Aber wie gesagt: Wie man es macht, ist es verkehrt.
