
Männer können vielleicht schon bald Hosen kaufen, ohne im Laden vor dem Spiegel auf und ab zu laufen - Computerhelden sei Dank
Von Mario Sixtus
Manche Chefs preisen ihre Mitarbeiter ungewöhnlich an: "Es gibt keine Grenzen: Sie können sogar ihre Gliedmaßen ausreißen, wenn es das ist, was Ihr Projekt benötigt." Das ist weder menschenverachtend noch strafrechtlich relevant - geht es doch nur um eine Software. Naturalmotion nennt sich das Unternehmen, das sich anschickt, mit seinem 3D-Programm Endorphin die Liste der aussterbenden Berufe um einen Eintrag zu erweitern: Stuntman.
Die rechnergenerierten Komparsen zappeln in imaginären Netzen, fallen von einem Faustschlag getroffen hintenüber, stolpern, straucheln, knicken ein, krümmen sich vor Schmerz oder laufen gegen Hauswände und Stahlträger. Sie wirken dabei menschlich; versuchen sich abzustützen, greifen an schmerzende Stellen, und ihre Körper federn nach einem Fenstersturz kurz und dumpf nach. Hinter Naturalmotion stehen Oxford-Absolventen der Zoologie, der Biologie und der Mathematik. In jahrelanger Arbeit simulierten die Wissenschaftler das Zusammenspiel von menschlichem Skelett, Muskel- und Nervensystem, bis ihre Kreaturen auf äußere Gewalt so authentisch reagieren konnten.
Inzwischen haben es die Endorphin-Geschöpfe bis auf die Leinwand geschafft: Nach einer Präsentation zeigte sich das Neuseeländische Special-Effects-Unternehmen Weta Digital derart beeindruckt, dass es die Software für Schlachtszenen im dritten Teil der Herr-der-Ringe-Verfilmung einsetzte. Auch Wolfgang Petersen war wohl fasziniert von den digitalen, leidensfähigen Wesen. Er orderte ein Endorphin-Softwarepaket für seinen Monumental-Streifen Troja, der im Mai in die Kinos kommen soll.
Alltagsbezogener geht es bei dem Einsatzgebiet zu, das Toshiba für virtuelle Menschen vorsieht. Der japanische Elektronikkonzern möchte die Menschheit vom Joch der Umkleidekabine befreien. Das 3D-System, an dem Toshiba mit der in Osaka ansässigen Firma Digital Fashion arbeitet, steckt zwar noch in einem frühen Entwicklungsstadium, aber 2006 soll es in der Praxis erprobt werden. Zunächst werden Einkäufer von einer herkömmlichen Videokamera abgefilmt und aus den Aufnahmen ein dreidimensionaler Avatar extrapoliert. Danach kleiden die Kunden das digitale Selbstbildnis nach Herzenslust ein und können es dann von allen Seiten begutachten. Auch bewegen können soll der digitale Dummy sich. Dank aufwendiger Berechnungen soll man so kontrollieren, ob die Hose im Sitzen nicht zu kurz ist, ohne sich der alten Beinkleider entledigen zu müssen.
Die Zielgruppe ist klar: Männer. Deren Unlust, im Laden mehrmals die Kleidung zu wechseln und vor dem Spiegel auf und ab zu laufen, scheint kulturübergreifend zu sein. So könnte der zweite Schritt - die Ausweitung des Systems auf Online-Shops - manchen Ehekrach vermeiden helfen: Während sie samstags in Shops bummelt, ohne sich von ihrem quengelnden Partner zur Eile treiben zu lassen, lässt er daheim sein virtuelles Spiegelbild Anzüge probieren, während die Bundesliga läuft.
Waren künstliche TV-Köpfe wie Max Headroom, die virtuelle Nachrichtensprecherin Anna Nova oder der inzwischen auf dem digitalen Friedhof entsorgte Robert T-Online noch holprig animierte und auf den ersten Blick als synthetisch zu erkennende Gestalten, verblüfft die neue Generation mit erstaunlicher Menschenähnlichkeit. Der Italiener Franz Cerami, der seinen Beruf mit "Medie Event Designer" angibt, ruft für dieses Jahr sogar den Schönheitswettbewerb "Miss Digital World" aus.
Zwar keine Miss-Schärpe, zumindest aber eine feste Anstellung mit internationaler Reisetätigkeit konnte Sakura Sanae ergattern. Die im Rechner geborene Kindfrau gehört als "Goodwill Ambassador" mittlerweile offiziell zu Japans diplomatischem Corps. Weltweit wirbt sie auf Kongressen, Messen und Empfängen für Nippons Computer-Grafik-Industrie, spricht mehrere Sprachen fließend - und hat keine Probleme, an mehreren Orten gleichzeitig aufzutreten. Welcome to Tomorrow.
