Der Sieg der Bürgerreporter

Ohmynews verändert Südkorea

Von Mario Sixtus

Der amerikanische Medienexperte Terry L. Heaton jubelte in den höchsten Tönen. "Am Himmel der New-Media-Welt strahlt kein Stern heller als der von Ohmynews", schwärmt er in einem Essay. Tatsächlich hatte sich in Südkorea Bemerkenswertes ereignet: Die erst im November 2003 gegründete Uri-Partei (übersetzt: "Unsere Partei") konnte im ersten Anlauf die absolute Mehrheit im Parlament erringen. Nach 44 Jahren endet die Vorherrschaft der konservativen Großen Nationalpartei. Als einziges Medium mit Massenpublikum hatte die Website Ohmynews die Newcomer unterstützt. Es ist das Medium der 20- bis 30-Jährigen, die mit der konservativen, oft kritiklos pro-amerikanischen Politik ihrer Eltern wenig anfangen können. Sie wünschen sich ein liberaleres Land.

27 000 freiwillige Journalisten

Gegründet wurde Ohmynews im Februar 2000 vom Journalisten und Buchautor Oh Yeon Ho. Er hatte zuvor in den USA studiert und für unabhängige Magazine geschrieben. Seine Philosophie: "Jeder Bürger ist ein Reporter." Etwa 27 000 "Bürgerjournalisten" schicken der Redaktion jeden Tag Beiträge, die von 57 Leuten gesichtet und sortiert werden. 250 Artikel finden so täglich ihren Weg ins Netz - verfasst von Hausfrauen, Studenten, Zahnärzten und Suppenköchen. Gerade einmal zwei Euro erhält ein Autor pro Artikel - unabhängig von dessen Länge. Den meisten ist der kurze Ruhm genug, auf der Titelseite zu erscheinen, denn über mangelndes Interesse braucht sich das Web-Magazin nicht zu beklagen: Während der Wahl registrierte man zwei bis drei Millionen tägliche Besucher - kein Vergleich zu den 600, die sich anfangs auf die Website verirrten.

Seit Oktober 2002 arbeitet Ohmynews profitabel und ist auf Expansionskurs: Vor einem Jahr begann man damit, samstags eine gedruckte Ausgabe herauszubringen - das Beste aus der Online-Version. Ein Handy-Newsdienst hat mittlerweile 60 000 Abonnenten, und das neueste Produkt von Oh heißt "Ohmy TV": Videos, die im Web bereitgestellt werden und - natürlich - von Bürgerjournalisten gedreht werden.

Neben dem konservativen Presseumfeld, in dem es für eine Publikation wie Ohmynews keine ernst zu nehmende Konkurrenz gab, lässt sich die Erfolgsgeschichte auch mit der Netz-Affinität der Südkoreaner erklären. 75 Prozent der dortigen Haushalte verfügen über einen Breitbandzugang zum Internet. Verglichen mit Altersgenossen in westlichen Industrienationen verbringen junge Koreaner wesentlich mehr Zeit im Internet - und weniger vor dem Fernseher.

Link: OhmyNews (English Version)



Kurze Werbeunterbrechung:


Pingback: ::: SIXTUS.NET ::: Mario Sixtus, freier Journalist

...Ohmynews in Süd-Korea für revolutionäre Dinge anstellt, das wissen wir mittlerweile ja alle. Ausgerechnet ein Provinznest in Kalifornien greift jetzt das Konzept auf und morpht ihre Lokalzeitung zum partizipativen Medium. (Anmerkung: Nein liebe ...

Jetzt kommentieren!


Aus der gleichen Publikation:

 





















































Blogs sind ein Paradies für Journalisten, wenn man weiß, wie sie funktionieren.

Blogosphäre: Kommunikationsgeflecht und Marketingfaktor

Den klassischen TV-Sendern laufen die Kunden davon. Immer mehr Internetnutzer ziehen sich ihr Programm direkt aus dem Netz - individuell, kostenlos und werbefrei

Der Mensch kehrt sein Innerstes nach außen – falls er die Software beherrscht

Social Software und das neue Leben im Netz

Die Vordenker der internationalen Weblog-Community trafen sich in Paris zum Gedankenaustausch

In der durchdigitalisierten Welt werden Entfernungen gleichgültig. Ferndiagnose, Fernwartung, Fernsteuerung: So genannte Remote Services spielen in Industrie, Medizin und vielen anderen Bereichen eine immer größere Rolle

Paderborn: 5. "RoboCup German Open" - Roboterfußball noch in Kinderschuhen

Ein viel versprechender Ordnungsversuch im Internet

Weblogs entwickeln sich zu einem Massenphänomen, doch die neue Internet-Publizistik ruft auch Kritiker auf den Plan

Podcasting heißt der neue Hit unter Hobby-Moderatoren und Hörern. Ein Player zeichnet die Sendungen automatisch auf

Entwickler und Marketing-Manager kennen oft die Bedürfnisse ihrer Kunden nicht – und produzieren Technik, die niemand braucht

Wer jemanden kennt, der jemanden kennt, macht leichter Geschäfte. Kontaktplattformen wie LinkedIn und OpenBC können helfen, diesen Jemand kennen zu lernen.

Hubert Burda Media lud zum "Digital Lifestyle Day"

Ein Gremium des Europa-Parlaments entscheidet heute, ob das Gesetzgebungsverfahren der EU komplett neu gestartet wird

Eine spanische Firma bietet Software, die Chart-Potenzial erkennen will - namhafte Produzenten nutzen das System

Das Pop-Geschäft war von je her ein Spiel mit vielen Unbekannten. Ein Unternehmen aus Spanien verspricht nun, das Risiko per Computeranalyse zu minimieren. Namhafte Produzenten nutzen bereits das digitale Hitparaden-Orakel. Gibt es eine mathematische Formel für den Massengeschmack?

Drei Schritte vor, zwei zurück und einen zur Seite: Der Hickhack innerhalb der EU um die Patentierbarkeit "computerimplementierter Erfindungen" steuert auf einen neuen Höhepunkt zu. Die Befürworter eines kompletten Neustarts des mittlerweile fast drei Jahre dauernden Verfahrens schöpfen Hoffnung: Polnische Diplomaten haben trickreich den Weg dafür frei gemacht.

Journalisten und Blogger belauern sich meist misstrauisch und sprechen sich gegenseitig die Glaubwürdigkeit ab. Dabei sind beide längst Teil eines einzigen - und einzigartigen - medialen Ökosystems innerhalb des Internets.

Deutschland verliert den Anschluss: Bei der Verbreitung schneller Internet-Zugänge liegt die Bundesrepublik EU-weit nur im Mittelfeld. Gerade einmal 6,6 Breitbandleitungen pro 100 Einwohnern zählte die EU-Kommission in Deutschland. Zum Vergleich: In Dänemark sind es 15,6 von 100. Spitze sind hierzulande nur die Preise. Erst langsam kommt Bewegung in den Markt.