Unheimlich

Maurer mauern, Bäcker backen und Schreiber schreiben. Das ist bekannt.

Von Mario Sixtus

Im Gegensatz zu den ersten beiden Berufsständen hat Letzterer einen entscheidenden Vorteil: Er kann heimlich ausgeübt werden. Schreiben Autoren versteckt, nutzen sie ein mehr oder minder einfallsreiches Pseudonym. Verborgen hinter dem Alias, können die Schriftsteller je nach Bedarf Ferkeleien, Fäkalsprachiges oder Flachgeistiges verfassen - ohne dass ihr literarischer Ruf angekratzt würde.

Ebenfalls heimlich betreten viele Literaten die Website des Internet-Buchhändlers Amazon - und gehen dort ihrem Beruf nach: Sie schreiben. Bei Amazon darf das erst einmal jeder. Zwar keine Bücher, aber immerhin deren Besprechungen und Bewertungen. Anonym. Unter Pseudonym. Auch Autoren, die das Texten unter der Tarnkappe ja oftmals gewohnt sind, schreiben dort. Und zwar ebenfalls keine Literatur, sondern vielmehr Lobhudeleien und Schwärmereien - über ihre eigenen Bücher.

Dass die Praxis unter Wortkünstlern verbreitet ist, erfuhr die Welt dank einer Internet-Panne. Beim kanadischen Amazon-Ableger konnte kürzlich jeder eine Woche lang nachlesen, wer all die begeisterten Kritiken verfasst. Und siehe da: Oft genug waren es die Urheber selbst, die von ihren Werken derart angetan waren, dass sie sich geradezu gezwungen sahen, ellenlange Elogen niederzuschreiben. So urteilte der Bestseller-Autor John Rechy über sein eigenes Druckwerk: "Dies ist eines der besten Bücher, das ich seit Jahren gelesen habe. Ich wette, wenn Du es verschlungen hast, wirst Du sofort zu Deinen Freunden laufen und es weitererzählen, weil Du es mit ihnen teilen willst."

Nun, weitererzählt wurde die Sache mit dem Eigenlob - und geteilt wurde vor allem Häme und Schadenfreude. Rechy befindet sich in Gesellschaft: Hunderte von Schreibern schrieben heimlich, wie unheimlich begeistert sie von ihrer Schreibe wären. Mittlerweile ist das Loch im System gestopft und alle Rezensenten wieder in der Anonymität verschwunden. Aber da Eigenlob stinkt, dürfte es unter der Oberfläche des Bücherladens kräftig weiter muffeln. Denn die Schreiber werden weiter schreiben. Und dabei ab und an zu große Brötchen backen.



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