
Geplanter E-Mail-Dienst bedroht die Privatsphäre der Nutzer - Von der Suchmaschine zum Werbe-Imperium
Von Mario Sixtus
Der 1. April ist auch im Netz der Tag amüsanter Falschmeldungen. Newsdienste und Agenturen zögerten daher, eine Pressemeldung von Google zu verbreiten. Erst im Laufe des Tages stellte sich heraus, dass es sich bei der flapsig formulierten Mitteilung ("Heck, Yeah!") nicht um eine Ente handelte. Unter dem Namen Gmail werde Google demnächst einen webbasierten Gratis-E-Mail-Dienst anbieten, hieß es da. Jedes Postfach solle einen riesigen Speicherplatz von einem Gigabyte bieten. Obendrein würde der Gmail-User von Pop-Up-Werbung und blinkenden Reklamebannern verschont. Nur die bekannten Google-Text-Annoncen würden angezeigt - kontextbezogen auf den Inhalt der jeweiligen E-Mail.
Google-Ads sind die wohl erfolgreichste Werbeform des Web. Zunächst erschienen sie nur auf Google-Seiten neben den Suchergebnissen und mehr oder weniger klar von diesen getrennt. Seit 2003 gibt Google mit dem "Ad-Sense"-Programm auch Dritten die Möglichkeit, die Textanzeigen auf ihren Websites zu platzieren. Neben der Schlichtheit unterscheiden sich die Inserate in einem wichtigen Punkt von der meist quietschbunten Konkurrenz: Google bemüht sich, zum Inhalt der jeweiligen Seite passende Werbung zu schalten. So erscheinen im Idealfall neben einer Reisereportage aus der Toscana Anzeigen dortiger Hotels. Die Vorteile liegen auf der Hand: Die Anzeigenkunden freuen sich über eine relevante Platzierung der Werbung, der Surfer wird nicht mit Angeboten genervt, die ihn nicht interessieren und klickt vielleicht sogar auf einen der Links - was wiederum den Website-Inhaber erfreut, denn er erhält sein Honorar nach der Anzahl ebendieser Klicks.
Das Prinzip sorgte dafür, dass Google zum wahrscheinlich größten Werbevermarkter des Internet wurde. Marktforscher gehen davon aus, dass die Kalifornier bereits ein Viertel der vier Milliarden Dollar, die jährlich in den USA für Online-Werbung ausgegeben werden, in ihre Kassen lenken. Das ist jedoch nur eine Vermutung, denn wenn es um Finanzielles geht, heißt es bei Google stets: "Kein Kommentar."
Mit der Einführung von Gmail würde Google sein Werbekonzept nicht nur in einem Publikations-, sondern auch in einem Kommunikationsmedium anwenden. Die Idee ruft Datenschützer auf den Plan, denn um kontextbezogene Anzeigen einzublenden, müsste Google den Inhalt jeder einzelnen Mail kennen. Die Bürgerrechtsgruppe Privacy International (PI) wirft Google sogar vor, mit den geplanten Datenschutzstandards geltenden Gesetzen zu widersprechen. "Hier wird massiv europäisches Recht gebrochen", sagte PI-Direktor Simon Davis. Für besonders bedenklich hält er einen Passus in Googles "Privacy Policy", der es der Firma erlaubt, E-Mail-Kopien auch dann noch aufzubewahren, wenn der User diese gelöscht oder gar seinen Account gekündigt hat. Auch könne Google mit Hilfe von Cookies Querverbindungen zwischen dem Mail-User und seinen Suchanfragen herstellen und speichern. Davis befürchtet, aus dieser Kombination könnte "die bisher umfangreichste Sammlung von Informationen über das Leben eines Menschen" im Internet erstellt werden.
Auch das automatisierte "Lesen" der Nachrichten durch Google-Programme ist Datenschützern suspekt. "Es ist absurd, ein Kommunikationsmedium zum Subjekt für Werbung zu machen, die in die Privatsphäre dringt", sagte Chris Hoofnagel vom Electronic Privacy Information Center dem Observer. "Genauso gut könnten Sie einen Telefonisten ein Gespräch belauschen lassen, damit er mit passenden Angeboten dazwischenreden kann." Es spiele keine Rolle, "dass es Maschinen sind, die die Mails lesen", sagt Pam Dixon vom World Privacy Forum. "Maschinen sind sogar noch effizienter." Auch sie fürchtet eine Verknüpfung von User-Daten mit Suchanfragen: "Google muss sich verpflichten, diese Informationen nicht miteinander zu verbinden." Das Forum forderte die Google-Führung schriftlich zu einer solchen Verpflichtung auf.
In Web-Foren wird inzwischen darüber spekuliert, wohin die Google-Reise geht, denn die Firma hat in etlichen Ecken des Netzes Fuß gefasst. Mit der Übernahme des Weblog-Dienstes Blogger.com vor rund einem Jahr wurden etwa eine Million Journale zu Werbeträgern von Google-Anzeigen, mit Froogle kam eine Preisvergleichsmaschine hinzu, seit kurzem verfügt die Firma mit Orkut über ein eigenes, "Soziales Netz". Und nun auch noch E-Mail. Viele befürchten, die Unmenge der durch diese Omnipräsenz gewonnen User-Daten könnten Google zum "Big Brother" des Internet machen.
Auf der Google-Seite war am 1. April übrigens auch ein "echter" Aprilscherz zu finden: In einer Stellenanzeige wurden Leute für eine Niederlassung auf dem Mond gesucht. Angesichts des Expansionsdrangs der Firma konnten viele nur mäßig lachen.
