
Eine Gruppe junger Idealisten arbeitet an einem freien Betriebsystem, das eine Alternative zu Microsoft werden soll
Von Mario Sixtus
Geschätzte 94% aller Desktop-PCs laufen weltweit unter dem Betriebssystem Windows. In der Landwirtschaft würde man so etwas Monokultur nennen, in der Welt der Wirtschaft heißt das Quasi-Monopol. Zwar kann sich das quelloffene und kostenlose Linux im Serverbereich langsam als Alternative etablieren, auf den Schreibtischen von Büro- und Heimnutzern spielt das System mit dem Pinguin aber noch keine ernst zu nehmende Rolle. Die Dominanz von Windows hat mannigfaltige Gründe; zum einen sicherlich die aggressive Marktpolitik Microsofts, nicht zuletzt sind es aber auch die Computernutzer selbst, die sich ungern von Gewohntem verabschieden und nur selten freiwillig Neuland betreten.
Probleme mit der Hardware
Das K.O.-Kriterium gegen einen Systemwechsel ist sicherlich die Masse an Hard- und Software, die speziell für Windows-Rechner maßgeschneidert wird und auf die Anwender eines exotischen Betriebsystems verzichten müssen. Ob professionelle Grafikverarbeitung oder der Treiber für die WLAN-Karte vom Lebensmitteldiscounter: wer seinen Rechenknecht mit Windows betreibt, braucht sich um kompatible Produkte selten Gedanken zu machen.
Eine Hand voll über den Globus verstreuter Freiwilliger hat sich nun vorgenommen, diesen gordischen Knoten zu zerschlagen. ReactOS nennt sich ihr Betriebsystem, das nichts Geringeres ermöglichen soll, als die Nutzung von Windows-Programmen ohne Windows. Das Fernziel des kleinen Teams ist groß: ReactOS soll nicht nur stabiler laufen und die jeweils vorhandene Hardware besser nutzen, als das Vorbild des Redmonder Softwareriesen, es soll obendrein jedermann gratis zur Verfügung stehen und dank offen liegender Quellcodes auch sicherer sein.
Das Projekt geht auf das Jahr 1996 zurück, als eine Gruppe namens FreeWin95 sich anschickte, das damals neue Windows 95 zu klonen. Leider verstrickten sich die Entwickler in endlose Diskussionen und Richtungsstreits, bis der Programmierer Jason Filby 1997 das Zepter in die Hand nahm und neben dem neuen Namen auch eine neue Richtung vorgab: Künftig sollten real programmierte Codezeilen wichtiger sein, als Debattenbeiträge. Außerdem wollte man nicht mehr Windows 95 nacheifern, sondern dem professionellen System NT 4, auf dem auch Windows 2000 und XP basieren.
Gerade einmal dreißig, über den Erdball verteilt arbeitende Idealisten sind es, die es mit dem Weltkonzern aufnehmen wollen, der seinerseits über fast 40.000 Mitarbeiter verfügt. Einer dieser Optimisten ist Alexey Bragin. Der in Moskau lebende Student der Computerwissenschaften versucht eine klare Grenze zum ebenfalls freien Linux zu ziehen: "Wir verfolgen unterschiedliche Ziele. ReactOS soll Leute ansprechen, die freie Software mögen, aber auch auf die Bequemlichkeit von Windows nicht verzichten möchten." Trotzdem gäbe es keine Berührungsängste mit der ungleich größeren Linux-Gemeinschaft. Mit dem WINE-Projekt, das versucht, Windows-Software und -Gerätetreiber mit Linux zu versöhnen, existiert sogar eine enge Zusammenarbeit. Der einundzwanzigjährige Russe ist sicher: "Schon in sechs Monaten kann ReactOS ein nützliches Produkt sein."
Zur Zeit ist das System allerdings noch recht weit von der Fertigstellung entfernt, wie die aktuelle Versionsnummer 0.2 ahnen lässt. Trotzdem ist das Team zuversichtlich. Der 19jährige Thomas Weidenmüller erklärt: "Wir erwarten bereits für Oktober dieses Jahres, dass einige größere Anwendungen funktionieren werden, wie zum Beispiel der Webbrowser Mozilla oder die MS-Office-Alternative Open Office." Der Fachoberschüler aus dem bayrischen Wunsidel arbeitet hart daran: mit wöchentlich bis zu 45 Stunden, investiert er mehr Zeit in das Projekt, als manche andere Menschen in ihren Tagesjob. Und das soll Früchte zeigen: "Unser Ziel ist es, bereits im April 2005 ReactOS so weit entwickelt zu haben, dass es als brauchbares Desktop-Betriebssystem für täglich anfallende Arbeiten geeignet ist." Briefe schreiben, Emails versenden oder das Web browsen soll dann problemlos möglich sein.
Weitere Freiwillige sind willkommen
Profitieren sollen letztlich alle von der ehrenamtlichen Arbeit: "Unternehmen und auch Privatnutzer könnten mit ReactOS eine Menge Geld für Betriebsystem-Lizenzen sparen. Das gibt uns auch die Hoffnung, dass sich in ein
paar Jahren auch PC-Hersteller für ReactOS entscheiden, die dann PCs für die breite Masse noch günstiger anbieten können." Mitstreiter werden noch gesucht: "Wir würden uns über mehr Programmierer sehr freuen. Insbesondere suchen wir solche, die mit der Architektur von Windows vertraut sind und beispielsweise in der Lage sind, Treiber zu schreiben." Aber auch Nicht-Informatiker können mithelfen: "Testberichte sind für uns sehr wichtig. Daher suchen wir ständig Leute, die ReactOS ausprobieren und uns ihre Erfahrungen mitteilen."
Der Redmonder Riese selbst hat sich zwar bisher noch nicht beim ReactOS-Team gemeldet, aber Weidenmüller weiß von einer Software-Messe in den USA zu berichten, auf der auch Microsoft-Mitarbeiter einer Demonstration des Windows-Klons beiwohnten: "Sie sollen sehr beeindruckt gewesen sein", freut er sich und hat auch ein paar aufmunternde Worte für den Noch-Monopolisten parat: "Windows hat natürlich auch seine Daseinsberechtigung und es ist längst nicht so schlecht, wie viele behaupten." Man muss eben auch gönnen können.
Links:
ReactOS
http://www.reactos.com
Thomas Weidenmüller
http://www.reactsoft.com
