... Sony BMG seine Demo-Songs nur als DRM-ifizierte Dateien zu überlassen. Wo kämen wir denn sonst hin?

Via Lost Remote
... erklärt Euch heute Galacticast:
We just don’t have headquarters, studios, production staffs, vice-presidents, make-up people, gophers, expense accounts, expenses… and profits…. yet.
We are TV.
But we’ve just begun. In the evolution of the new TV, this is 1954: Arthur Godfrey and Friends, My Little Margie, the Adventures or RinTinTin. That was not the golden age of TV. TV then sucked. But it got better. So will ours.
And this means we have a great opportunity to reinvent TV from scratch in an entirely new medium with a new relationship with our public, new creative standards, new means of production and distribution, new economic models. We can nurture an explosion of creativity and commerce. But we have to do it right.
Jetzt auch als praktischer Sammelband.
Die plötzlich und unerwartet aufgetauchte Computermesse Cebit wird am nächsten Montag ein wenig Platz im Handelsblatt beanspruchen, weswegen meine kleine Kolumne eine Zwangspause einlegt. Da der Text bereits weitgehend fertig war, erscheint er jetzt eben hier.
Wer das Internet nicht kapiert, schreibt über Second Life oder eröffnet dort eine Filiale. Zeit, mit diesem Quatsch abzurechnen.
"Schriftsprache ist das Latein unserer Zeit", sinnierte jüngst der US-Rechtsprofessor und Internet-Experte Lawrence Lessig. Nur noch eine kleine Elite forme sich ihr Weltbild mit Hilfe von Geschriebenem. Bunte Bilder hätten Texte längst als wichtigstes Informationsmittel abgelöst.
Bunte Bilder sind auch der Sprit, der das momentane Über-Hype-Thema befeuert: Second Life. Vollbusige Avatare in knappen Kleidchen gehen halt immer als Artikel-Illustration und endlich kann sich auch das Fernsehen auf ein Internet-Thema stürzen, ohne auf die ewig gleichen Mausklick- und Tastaturklapper-Zwischenschnitte aus dem Archiv zurückzugreifen. Während Plattformen und Dienste der zweiten Web-Entwicklungsstufe heutzutage ein Funktionsniveau erreicht haben, das sämtlichen Metaphern aus der physischen Welt hartnäckig trotzt und somit Journalisten vor völlig neue Aufgaben stellt, geht es in Second Live endlich wieder um Dinge, von denen jeder glaubt Ahnung zu haben: Geld und Sex. Schein und Sein. Wunderbar. Titelstory.
Kein Wunder, dass auch Wirtschaft und Werbeindustrie jubilieren. Jahrelang haben sie sich dieses merkwürdige Internetz-Dings angeschaut, in dem nichts so funktioniert, wie in den guten alten Massenmedien. "Märkte sind Gespräche", mussten sie sich vom Cluetrain-Manifest belehren lassen, das sie obendrein aufforderte, ihre in den letzten 100 Jahren antrainierten Marketing-Methoden über Bord zu werfen. Dann kam auch noch Chris Andersson mit seinem Buch "The Long Tail" und erklärte das Netz kurzerhand zum Totengräber des Massengeschmacks. Sollte künftig wirklich nichts mehr so sein wie früher? Eine furchtbare Vorstellung.
Das Auftauchen von Second Life muss zu einem kollektiven Aufatmen in den Marketing-Abteilungen dieses Planeten geführt haben. Endlich kann man auch im Internet so weitermachen, wie in der guten alten Zeit vor dem Internet. Man kann Plakate aufstellen, Filialen eröffnen, Werbespots auf riesigen Leinwänden ausstrahlen und sogar Verkaufspartys veranstalten. Toll. Ganz, wie damals. Das beste: Sogar die Presse hat man endlich wieder auf seiner Seite. Die Eröffnung eines Zeitschriftenladens in Bad Salzuflen ist wahrscheinlich noch nicht mal der dortigen Lokalzeitung eine Notiz wert, stellt "Vanity Fair" hingegen einen einsamen Zeitungskiosk in Second Life auf, verbreiten die Agenturen das brav als Nachricht – selbstverständlich inklusive Bild, das ebenso selbstverständlich nicht auf die allgegenwärtigen, vollbusigen Avatar-Statistinnen verzichtet.
Das einzig Dumme an der Sache: Second Life befindet sich ebenso wenig "im Internet", wie Bad Salzuflen. Second Life ist ein Biotop, eine abgeschlossene Blase, die das Netz lediglich als Datentransportweg nutzt. Man könnte meinen, der Betreiber Linden Labs hätte Second Life als Beruhigungsmittel für Zukunftsscheue entwickelt: Zu guter Letzt ist das Leben im Netz auch für jene zu begreifen, die das Netz selbst nie begriffen haben. Second Life ist somit die letzte Bastion des 20-ten Jahrhunderts. Ein Asyl für Ewiggestrige und Veränderungsverweigerer. Die Zukunft sieht anders aus.
Was bitte ist das da?
Elektrischer Reporter, Teaser-Text, 26. 09. 2006:
Noch nie war es so leicht, ein Doppelleben zu führen: In Online-Rollenspielen wie Second Life entwerfen die Mitspieler ihre eigenen Körper und basteln sich eine neue Welt.
Data Becker, Pressemitteilung, 14.03.2007:
Noch nie war es so leicht, ein Doppelleben zu führen: In virtuellen Welten wie Second Life entwerfen die Mitspieler ihre eigenen Körper und basteln sich eine neue Parallelwelt.
Wer den Unterschied findet, darf ihn behalten.
Und wo wir gerade beim Thema sind: Am nächsten Montag enthält meine Kolumne im Handelsblatt meinen ultimativ letzten Text über Second Life -- und den letzten Text, den ich jemals darüber lesen will. Schluss mit dem Quatsch.
Was meint Ihr: Fahre ich eher zur NextWeb nach Amsterdam oder zur Reboot nach Kopenhagen? Ich schwanke noch. Die sehen beide sehr lecker aus.

Gold habe ich mir für ein anderes Mal aufgespart, aber Silber habe ich wirklich gerne mitgenommen. Julius und Felix haben ja schon einiges erzählt, daher nur ein kurzer Senf von mir.
Dem Lead Award merkt man an allen Ecken und Enden an, dass er seinen Ursprung als Auszeichnung für Totes-Holz-Publizistik hat. Dem Online-Sektor nähert sich die Lead Academy bislang noch ein wenig, sagen wir mal, unbeholfen. Dass die Preisträger auch am Nachmittag des 2. März noch nicht online gelistet sind, ist nur ein Indiz dafür. Ein weiteres ist die Präsentation der ausgezeichneten Online-Werke in der angeschlossenen Ausstellung. Die drei Blogs hat dort beispielsweise irgend ein Macianer in einen ruckligen Screenshot-Quicktime-Film gequetscht, der eine 20-sekündige Endlosschleife abspult. Tolle Wurst. Die Idee, die Blogs quasi live aus dem Internetz in die Ausstellung hinein zu senden, so dass Besucher sich durch Scrollen, Klicken, Suchen, Lesen und vielleicht sogar (huch!) Kommentieren mit den Angeboten auseinandersetzen könnten, schien den Ausstellungsmachern denn wohl doch ein wenig zu revolutionär. Mental immer schön im 20-ten Jahrhundert bleiben, gell? Interaktivität? Wo kämen wir denn da hin?
Die Party nach der Verleihung war -- nicht zuletzt Dank der Angehörigen des deutschen Blog-Filzes -- sehr nett und ging sehr lange, glaube ich. Das nächste Mal schnapp ich mir Gold und werde es bei der Dankesrede Ennio Morricone nachmachen: 15 Minuten irgendwelche Annekdötchen erzählen -- auf Italienisch.
Update: Wow! Mein Auftraggeber lässt sich nicht lumpen und spendiert heute gleich eine ganze Seite Papier:

Da sag ich mal leicht errötend Dankeschön für so viel Dankeschön.
Update 2: Kameras können lügen! So sehe ich gar nicht aus! Zumindest nicht jeden Tag.
