Hab gerade überhaupt keine Zeit für irgendetwas. Trotzdem: Den einen oder anderen der geschätzten Leserschaft zu diesem wunderschönen Aufsatz von Kevin Kelly zu schicken, das muss einfach drin sein. Kevin schaut zunächst zehn Jahre zurück und hält uns währenddessen all das vor die Nase, was wir damals am Web missverstanden haben. Jetzt, im Jahre 2005, sind wir ein wenig klüger und sehen klarer. Oder? Wohlwissend, dass Prognosen nur dann eine Chance haben, wenn sie in die Vergangenheit gerichtet sind, wirft der gute Mann schließlich mutig einen Blick nach vorn ins Jahr 2015. Und nicht nur das.
Ich empfehle als Sonntagnachmittagsbetätigung, auf Herrn Kellys Gedankenpfaden ein wenig hin und her und vor und zurück zu joggen. Es bietet sich dabei ein mittleres Tempo an. Bloß nicht zu schnell, nur nicht außer Atem kommen, dann macht es richtig Spaß. Das ist Sport, den ich mag :-)
Kleine Blogstats-Recherche:
Arbeitslosigkeit: 2318 Treffer
Ölpreis: 86 Treffer
Klimawandel: 173 Treffer
Globalisierung: 1427 Treffer
Neonazis: 840 Treffer
Bundestagswahl: 1139 Treffer
Gerhard Schröder: 1241 Treffer
Angela Merkel: 1355 Treffer
Joschka Fischer: 769 Treffer
Guido Westerwelle: 346 Treffer
Oscar Lafontaine: 26 Treffer
Oskar Lafontaine: 496 Treffer
And the Winner is:
Harry Potter: 3456 Treffer.
Wenn man sich die Zeit nimmt, sich durch diese Kommentare zu wühlen, erfährt man mehr über das deutsche Blogdorf, als einem lieb ist.

Papiergraffiti, das: Einfallsreiche Methode, kurzlebige urbane Kust zu produzieren, ohne mit dem Gesetz in Konflikt zu kommen.
Oder: Warum das große Dings mit dem Internetz erst noch kommt.
Oder: Das Orakel vom Rhein reißt mal wieder die Klappe auf
Einige halten ja das, was sich langsam am Horizont abzeichnet und dessen Vorzeichen wir gerade in Form von etwas erleben, das wir neckisch Social Software nennen, für just another Internet-Hype und verweisen gerne auf das Mediengetöse vor dem Platzen der Internet-Börsen-Bubble ganz am Ende des letzten Jahrtausends. Das ist natürlich Quatsch. Sogar ohne Soße. Diesen Eindruck kann nur gewinnen, wer sich das momentane Gewusel aus großer Ferne und dann auch nur ganz kurz anschaut.
Sehen wir und das Ganze also doch einfach mal aus der Nähe an. Was war das Größte Internet-Hype-Thema Anno 98/99? Die Älteren werden sich erinnern: Portale. Jedes Großunternehmen und natürlich auch solche, die welche sein wollten brauchte dringend ein Protal. Shopping-Portale, Branchen-Portale, Medien-Portale, Portal-Portale. Vor lauter Netz-Tor-Labyrinthen wusste man überhaupt nicht mehr, wohin man laufen sollte. Der Name sagt es: Portale sind groß, monolitisch und statisch. Daneben fühlt man sich als kleines Internet-Nutzerlein winzig und unbedeutend. Das war auch so gewollt, denn die so genannte "New Economy" war ja bekanntlich überhaupt nicht new, sondern very old im Denken. Nur halt auf Koks (oder je nach Kontostand: Speed). Die Nutzer-Hammelhorden sollten innerhalb dieser Portale artig klicken und kaufen. Fertig. Das verstehen Wirtschaftsbosse, so war das immer: Die Masse konsumiert, fragt nicht dumm und gut ist.
Was gab es außerdem für gleichsam gefloppte wie gehypte, nichtsdestoweniger von PR-Trompetern laut hinausgepustete "Trends"? Auf Anhieb fällt mir "Push" ein oder Web-Broadcasting. Techniken, die dieses merkwürdige Interdings endlich in das verwandeln sollten, was man kennt und versteht: Yet another Massenmedium. Wenige senden, Viele lauschen brav. So sollte es endlich auch im Netz sein. Bekanntermaßen wurde da nichts draus.
Wikipedia definiert Hype wie folgt:
Unter Medienrummel (engl. Hype) werden meist kurzlebige, in den Medien aufgebauschte oder übertriebene Nachrichten verstanden, die gezielt von Interessensträgern zur Werbung für bestimmte Ideen oder Produkte lanciert wurden. Viele Ideen, um die Hype veranstaltet wird, stammen aus der Managementlehre; ebenso wie konkrete Produkte versprechen sie oft schnellen, leichten Profit oder Gewinn.
Kurzlebig, aufgebauscht, übertrieben, schneller Profit. Und vor allem: Interessensträger, sprich: Großunternehmen. Denn auf die Hype-Pauke hauen ist teuer. Da kostet jeder Schlag.
Wenn ein Trend jedoch nicht künstlich erzeugt wird, sondern sich langsam von den Rändern (dort, wo bekanntlich Innovationen entstehen) ins Zentrum schiebt, dann nennt man das nicht Hype, dann ist das eine Bewegung.
Natürlich wird auch im Jahre 2005 und nicht nur hier um die Zukunft des Netzes herumorakelt. Gestern erst hat PR-Blogger (nein, du bist nicht gemeint, Klaus ;-)) Steve Rubel seine zehn Trends für die nächsten zehn Jahre öffentlich aufgeschrieben. Und jetzt wird es interessant, denn Steves Zukunftsentwurf marschiert in die diametral entgegengesetzte Richtung, welche die Großkonzerne zu Bubble-Zeiten eingeschlagen hatten. Mal näher 'ranzoomen:
"The Long Tail" (Wikipedia, Blog) beschreibt, wie das Internet dazu führt, dass Klein- und Kleinstanbieter in der Summe den Großen die Butter von Brot nehmen. Diese Theorie hat Sprengkraft und Potenzial für eine wirkliche "New Economy". An alle BWL-Studenten: Schon mal vorsorglich alle Lehrbücher wegwerfen und über die vertane Studienzeit ärgern.
Was haben wir noch?
"The Read/Write-Web": Konsumieren war gestern.
"Timeshifting": Programmdirektor goes Arbeitsamt.
"Collaborative Categorization": Wir ordnen uns die Welt widde-widde-wie es uns gefällt.
"The Daily Me": Personalisierung on Steroids.
Die Clutrain nimmt Fahrt auf: Nicht nur Märkte sind Gespräche, auch der Journalismus wird mehrkanalig.
Ach ja: Geld verdient wird trotzdem noch: "Trust Marketing", "Citizen Marketing" und "Decentralized Communication" hat der gute Herr Rubel noch auf seinem Business-Zettel stehen. Von irgendetwas muss er ja auch leben.
Merkt ihr was? Zieht man einen Strich unter diese Liste und addiert (oder, je nach Gemütslage: multipliziert) die einzelnen Posten, dann steht dort unten plötzlich nichts anderes als Power to the People! Diesmal allerdings nicht als bekiffte Wohngemeinschafts-Küchenparole, sondern als eine wirkliche Ermächtigung (auch diese Vokabel haben die Nazis uns geklaut) der Menschen.
Steve mag mit dem einen oder anderen Punkt Recht oder Unrecht haben: Die generelle Entwicklungsrichtung hat er jedenfalls präzise skizziert. Es geht um eine Machtverschiebung von oben nach unten. Von Revolution zu reden ist noch viel zu niedrig gestapelt. Alte Medien verlieren ihre Agenda-Setting-Power und noch vielmehr: die Deutungshoheit. Nach der Musikindustrie werden noch etliche andere alte Wirtschaftsmächte die Kraft der Vernetztheit zu spüren bekommen (Habe ich schon erwähnt, dass demnächst das TV dran ist?). Sie werden sich neue Modelle einfallen lassen müssen oder einfach ihren Laden abschließen. Klar: Sie werden zuvor Horden von Juristen mobilisieren, aber das verzögert so einen Umbruch nur unmerklich. Auch politisch wird es zwangsläufig ein paar Eruptionen geben: Die scheinbar Mächtigen, also Politiker, hören bekanntlich gerne auf die wirkliche Macht, die Wirtschaft. Künftig werden sie also mehr auf die Menschen hören müssen, wenn es ihnen nicht so gehen soll, wie der Musikindustrie.
Huch! Ruft da jemand zur Abschaffung der Demokratie auf? Nö. Ich denke nur laut. Warum sollten zehn Fachreferenten eigentlich bessere Gesetzentwürfe verfassen, als zehntausend User in einem Wiki? Die Wikipedia hat schließlich gezeigt, wie das läuft: Klare Regeln, außerdem eine aktive und funktionierende Community: Ab geht die Luzie.
Das Volk am Drücker: Der pöbelnde, wütende Mob als Staatenlenker? Hilfe, mag der eine oder andere Zeitgenosse stumm in sich hineindenken. Ich nicht. Während meiner mittlerweile elf Jahren im Netz habe ich erlebt, was für tolle Sachen entstehen können, wenn man die Leute nur einfach mal machen lässt. Klar, wir haben auch Spam, Phishing, Viren Würmer, Hassseiten und Ekelpornos. Na und? Kann ich mit leben. Ein wenig Rauschen ist immer.
Das Netz ist eine Empowering-Machine die gerade gaaanz langsam ihr Schwungrad auf Touren bringt und wer immer noch glaubt, es ginge nur um einen weiteren Hype, den verurteile ich hiermit zu mindestens vier Jahren Fernsehserien mit Gaby Dohm. Ohne Bewährung.
Schönes Wochenende.
No, Jeff, I am fully comfortable with the size of my penis. Anyway, thank you for asking.
Lieber Troll! Nein, ich "zensiere" deine Kommentare nicht. Ich lösche sie.
Update: Auch Joi spricht mit seinen Trollen. Nicht, dass das Mode wird.

Der große Bob Moog geht von uns. Und zwar in aller Öffentlichkeit. Bob, ohne dich würde in der modernen Musik nichts so klingen, wie es heute klingt. Danke für alles. Machs gut.
... dass der Sicherheitsdienst am Bahnhof dermaßen zum Fürchten aussieht, dass man am liebsten den Sicherheitsdienst rufen würde?

Weil mir der Link gerade über alle nur erdenklichen Mailinglisten um die Ohren gehauen wird, ab damit in die Blogosphäre: Hier ist die Geschichte (QT, 17 Minuten) von sechs Sekunden Schlagzeug (MP3), die im Jahre 1969 auf die B-Seite einer Gospel-Single gepresst wurden. Ursprünglich war noch ein ganzer Song drumherum, aber der interessierte die Menschen offenbar weniger, als diese drei Takte flockige Drums, die zunächst im HipHop verwurstet wurden und danach das Fundament einer kompletten Subkultur bildeten: Ragga, Jungle, Drum n Bass. Nate Harrisson erzählt in dem oben verlinkten Filmchen wunderhübsch, wie die kleine Drumloop unter dem Namen Amen-Break Karriere machte und was das alles mit Popkultur, Sampling, Copyright, freier Liebe, und Creative Commons zu tun hat. Schönes Wochenende noch.

Wo? Natürlich in München.
Für mich der Klopfer des Tages: Paul's Personalized Google News, ca. 2031.
Gefunden bei Herrn Yelvington, der da sprach:
I laughed, and laughed, then began to wonder ....
Ging mir ganz ähnlich...

Alle Einnahmen gehen an das Liberty Projekt. Gefunden bei Konstantin.
... vor dem Kurzurlaub: Einige Häuser weiter residiert ein Hybrid aus Kiosk/Getränkehandel/Lebensmittelladen. In Gang gehalten wird dieses Unikum von einer persischen Familie. Die Tochter, obgleich mitten im Studium, hilft meist in der Spätschicht (bis 22:00 Uhr) aus. Den Familienvater habe ich ein paar Mal nachts im Taxi gesehen. Auf der Fahrerseite. Er grüßt dann nie, denn offenbar ist es ihm peinlich, dass er seine Familie nicht allein mit seinem kleinen Laden ernähren kann.
Letzte Nacht ist in das kleinen Geschäft eingebrochen worden. Tabakwaren und Spirituosen im Einkaufswert von 1.500 Euro verschwanden dabei. Einfach so. Heute waren sehr viele Menschen aus dem Viertel in dem kleinen persischen Geschäft und schimpften über gewissenlose Nichtsnutze. Das half der kleinen Familie mit ihrem kleinen Geschäft sicherlich finanziell nicht weiter, aber wenigstens haben sie (hoffentlich) gespürt: Sie sind hier zu Hause.
Wenn ich mir noch ganz kurz was wünschen dürfte, wäre es das: Ich will, das es so bleibt! Ich will, dass sich Muslime, Hindus, Buddhisten, Atheisten gleichermaßen in Düsseldorf-Flingern wohlfühlen. Ich habe Angst vor populistischer Propaganda. Ich habe Angst davor, dass jeder Araber, Türke, Pakistani, jeder etwas Dunkelhäutigere (außer Dieter Bohlen) künftig als potenzieller Bombenleger angesehen wird.
Ich habe Angst davor, dass es ein Wahlkampfthema wird, ein Stammtischthema, dass schon bald versucht wird, komplizierte Fragen mit einfachen Sätzen zu beantworten.
Tut das bitte nicht. Ja?
Danke.
Und jetzt bin ich endlich mal drei Tage wech...
Drei Tage Ferien. München. Passt gerade sehr gut. Muss mal den Hirnkasten auslüften. Müffelt schon ein wenig. Ich reise allerdings nicht ab (und damit trotze ich ebenso dem Terror, wie die von mir in diesem Moment auf das Äußerste bewunderten Londoner), ohne euch mit einem weiteren kleinen inhaltleeren Ankündigungsblogging zurück zu lassen:

Obiges Foto entstand gestern vorgestern, während einer Besprechung mit Herrn Wolff.
Kleiner Tipp: Es wird gaaanz, gaaanz toll! :-)
Schön, dass N-tv einen Reporter vor Ort hat, der telefonisch aus London berichtet. Weniger schön ist, dass ich das Gefühl nicht loswerde, der Kollege in der britischen Hauptstadt betet lediglich genau die Informationen ins Telefon, die zeitgleich über BBC World laufen. Diesen Eindruck kann man zumindest bekommen, wenn man zwischen den beiden Sendern hin und her zappt.
Wie wäre es denn mal mit einer ehrlichen Anmoderation? "Wir schalten um zu Jupp Schmitz, der gerade in einem Londoner Hotel vor der Glotze sitzt und Ihnen erzählen wird, was die Kollegen von BBC derzeit senden."
Da lese ich doch lieber Konstantin. Der nennt wenigstens seine Quellen.
Update 1: Die Londoner U-Bahn verfügt für solche Fälle jedenfalls über auffällig detailierte Hinweisschilder. Sogar der Ort des Unfalls ist auf den Plakaten bereits zu lesen. Und: Nein! Ich bin in keinster Weise anfällig für Verschwörungstheorien. Fiel mir nur auf.

Foto: Adam Tinworth
Update 2: UK Blogs Aggregator. Zitat:
Fuck! In a typically British manner, everyone is sitting down, carrying as normal with the occasional gathering around the television to listen to Charles Clarke tell us what we already know; nobody knows what’s going on. So why don’t we just have a cup of tea, relax and wait to see what happens.
Update 3: Dave is OK.
Update 4: Kings Cross Station
Update 5: Guardian: Your eyewitness accounts
Update 6: Moblog: Trapped inside the Tube
Update 7: Requiem.net behauptet:
A BBC reporter relayed her personal events where she left the underground after the first explosion, after a few minutes she went to hop on a bus and a bus nearby exploded.
Ob das eine Reaktion auf die bisweilen hellbraun eingefärbten Sprechblasen ihres ehemaligen Häuptlings ist? Die SPD wird braun. Genauer: erdbraun. Noch genauer: umbra. Wie das aussieht, kann man beispielsweise anhand dieser Titelzeile überprüfen. Was will uns dieser Farbton sagen? Die Sozis stehen mit beiden Füßen auf der Erde? Sie wandern gern im Sumpf? Sie werfen mit Sand?
Keine Ahnung. Bedeutungsschwanger wird die Farbwahl allerdings, wenn man die Übersetzung des lateinischen Wortes Umbra nachschlägt:
Umbra=Schatten=Gespenst=Totengeist, erfahren wir.
Wenn das mal keine Symbolik hat.

Trotz Mistwetter: Roter Teppich muss sein.

Promi bei der Arbeit.

Wikipedianer.

(Not) seeing John Malkovich.

Bildblogger (links und rechts) nebst Preis und Plasberg (mitte).

Nominierungskommission (links) und Grimme-Institut (rechts).
Was habe ich gelernt? John Malkovich ist nach eigenen Angaben "Blog-addicted". Sein Lieblingsblog aus Deutschland ist ausgerechnet Davids Medienkritik. Selten ist jemand so schnell so tief in meiner Achtung gesunken.
"Ingenieure verändern die Welt. Yogis grinsen nur rum."
Siggi Becker
